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DIW-Studie vermittelt ein anderes Bild: Ist der Fachkräftemangel ein Märchen?

VON SIMONE JANSON - zuletzt aktualisiert: 22.11.2010 - 12:44

Düsseldorf (RPO). In einem gerade erschienen Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) spricht Arbeitsmarktforscher Karl Brenke von einer drohenden Fachkräfteschwemme für manche Bereiche. Gleichzeitig beklagen frustrierte Ingenieure ihre schlechten Erfahrungen bei der Jobsuche. Wie passt das mit der bisherigen These vom Fachkräftemangel zusammen?

Karen hat Ingenieurwissenschaften an der Universität Erlangen studiert und ist wütend: „Mein Semester hat vor ca. einem Jahr abgeschlossen und obwohl im Vergleich zum Anfangssemester etwa 40 Prozent den Studiengang nicht geschafft haben, sind nur rund 5 Prozent in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis,“ schrieb sie vor einigen Monaten im Internet.

"Viele aus unserem Semester haben Deutschland den Rücken gekehrt und arbeiten in Skandinavien, Österreich und der Schweiz. Andere sind als Hartz IV-Aufstocker beschäftigt und hoffen auf bessere Zeiten. Es sind auch viele mit einem guten Abschluss betroffen.“ Mittlerweile ist auch Karen nach Schweden ausgewandert: „Ich habe meinen Entschluss Deutschland den Rücken zu kehren nicht eine Minute bereut und würde ihn wieder gehen.“

Sie ist bei weitem kein Einzelfall. Zahlreiche Absolventen, aber ebenso gestandene Ingenieure mit einschlägiger Arbeitserfahrung klagen im Internet über schlechte Aussichten. Auch FH-Absolvent Marek ist mit einer Abschlussnote von 1,3 in Regelstudienzeit seit mehreren Monaten auf Jobsuche. „Ich habe viele, auch Initiativ-Bewerbungen geschrieben und bisher nur Absagen bekommen. Und zwar immer mit der Begründung, dass momentan keine Stelle zu besetzen sei! Wie kann das sein, da doch händeringend nach Ingenieuren gesucht wird?“

Es fehlen Ärzte

Die Frage stellen sich viele, seit "Spiegel Online" am vergangenen Dienstag vorab über eine aktuelle Studie des DIW berichtet hatte: In dem am Donnerstag erschienenen Wochenbericht erklärt Karl Brenke, Wissenschaftlicher Referent im Vorstand des DIW Berlin, warum er derzeit nicht an einen Fachkräftemangel glaubt: „Wir können nicht ausschließen, dass wir in manchen Branchen eine Fachkräfteschwemme haben werden. Man kann gegenwärtig nur wenige Bereiche identifizieren, wo es an Fachkräften mangelt. Am ehesten ist das noch bei den Ärzten der Fall.“

Das Brisante an dieser Aussage: Sie widerspricht völlig der herrschenden Meinung vom Fachkräftemangel und auch den Aussagen von DIW-Präsident Klaus Zimmermann. Wie die "Frankfurter Rundschau" und "Spiegel Online" meldeten, musste die ursprünglich Fassung der Studie daher nochmals überarbeitet werden: Die Untersuchung, so ist jetzt zu lesen, konzentriere sich nur auf die nächsten vier bis fünf Jahre. An der Kernthese änderte sich aber nichts: Wenn es nach Brenke geht, herrscht in Deutschland zur Zeit kein Fachkräftemangel.

Begründen kann Brenke seine Aussagen gleich mit mehreren statistischen Werten: Die Löhne für Fachkräfte seien kaum gestiegen, wie es bei Engpässen üblich wäre, und hätten sich seit 2009 nicht besser als die der übrigen Arbeitnehmer entwickelt. Gestiegen seien seit 2007 hingegen die Studierenden- und Absolventenzahlen. Wichtigster Faktor aber: Bei fast allen Fachkräften ist nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit und Berechnungen des DIW die Zahl der Arbeitslosen höher als die Zahl der offenen Stellen. Einen nennenswerten Engpass sieht Brenke nur bei den Vulkaniseuren, Elektroinstallateuren und Ärzten.

Manipulation von Arbeitgeberseite?

Woher kommt die Diskrepanz? Hinter vorgehaltener Hand vermuten Betroffene Manipulationen durch die Arbeitgeberseite mit dem Ziel, durch eine große Auswahl an gut ausgebildeten, örtliche flexiblen Arbeitskräften die Löhne drücken und auf der anderen Seite ältere Ingenieure ausmustern zu können. Wahrscheinlicher sind Unkenntnis, Fehleinschätzungen und statistische Ungenauigkeiten. Denn es gibt, wie Arbeitsmarktexperte Brenke zugibt, bislang keine wissenschaftlichen Verfahren, die den gesamten Arbeitsmarkt abbilden und so eine definitive Aussage über die gesamtwirtschaftlichen Fachkräftelücke treffen könnten.

So fehlen beispielsweise aussagekräftigen aktuellen Daten über die Lohnentwicklung in einzelnen Berufen, es gibt Zahlen nur über Entgelte in einzelnen Gruppen von Fachkräften. Und auch die Angaben zu den Vakanzen wie auch den Arbeitslosen enthalten nur die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit – was dort nicht gemeldet wird, taucht in der Statistik nicht auf. Außerdem müsse, so Brenke, zwischen Hochschulabsolventen und Fachkräften mit betrieblicher Ausbildung differenziert werden.

Nur so ist zu erklären, dass sich Firmen in ganz Deutschland auch weiterhin rege dafür engagieren, junge Leute für ihr Unternehmen zu werben – so Bernd Schmitz, Leiter Hochschulmarketing bei der Bayer AG in Leverkusen: „Ich kann für Bayer sagen, das wir ständig neue Mitarbeiter einstellen – allein 2009 über 300 Akademiker. Ein großer Anteil sind dabei Absolventen mit einem ingenieurwissenschaftlichem Studium.“ Schmitz gibt aber auch zu: „Von einem Mangel würde ich persönlich erst dann sprechen, wenn offene Vakanzen nicht in angemessener Zeit besetzt werden können. Wir bei Bayer konnten bisher alle freien Stellen mit neuen Mitarbeitern besetzten.“

Sehr individuelle Anforderungen

Vieles spricht dafür, dass man das Thema differenzierter betrachten muss: Selbst wenn Stellen frei sind, wird nicht jeder sofort eingestellt: Es spielen auch fachliche Qualifikation, die Spezialisierung und persönliche Faktoren, wie Mobilität oder Teamfähigkeit, ein Rolle – Faktoren, über die man, wie so oft, streiten kann: Maschinenbauingenieur Marcus, der im November 2009 sein Diplom gemacht hat, war bis August 2010 auf Jobsuche und hat mittlerweile eine Stelle in der Schweiz angetreten.

Zuvor hat er in Deutschland über 50 Bewerbungen und 4 erfolglosen Vorstellungsgespräche hinter sich gebracht: „Meistens wurde die Absage damit begründet, dass meine Qualifikationen nicht ganz den Ansprüchen entsprächen. Gut ich hab das Studium mit 2,4 abgeschlossen, dafür habe ich noch zusätzlich eine technische Ausbildung und meine Praxissemester habe ich im Ausland absolviert.“

Viele Arbeitgeber suchen jedoch trotz Bedarf lieber weiter, als unpassende Kandidaten einzustellen – wie dieser Informatiker berichtet, der lieber anonym bleiben möchte: „Wir suchen in unserer Firma im Rhein-Main Gebiet händeringend Softwareentwickler. Aber auch bei uns werden die meisten Bewerber abgelehnt. Die Bewerber müssen Praxiserfahrung in den von uns verwendeten Programmiersprachen und Betriebssystemen haben und sehr gut Englisch sprechen. Sie sollten auch Kenntnisse im Börsenumfeld haben. Wir stehen so sehr unter Druck, dass wir neue Leute kaum einarbeiten können und es ist deshalb auch nicht möglich Anfänger einzustellen. Leute über 50 stellen wir jedoch definitiv ein. Oft hapert es auch an der zwischenmenschlichen Kommunikation. Manche Leute können wir uns in unseren Teams einfach nicht vorstellen.“


 
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