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Konferenz-Folklore: Ritter der Schwafelrunde

VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 05.11.2009 - 10:23

Düsseldorf (RP). Gremiensitzung, Morgenrunde oder Abteilungsleiter-Meeting: Keine Kommunikations-Form dominiert das Arbeitsleben so wie die „Besprechung“ - bis hinein in die Sprache und Architektur.

Sobald der „Beamer“ auf dem „Desk“ steht, kann das „Meeting“ beginnen: Moderne Büro-Kommunikation zeichnet sich durch Fremdwörter, hochgestochene Phrasen und eine Reihe von Ritualen aus.  Foto: gms
Sobald der „Beamer“ auf dem „Desk“ steht, kann das „Meeting“ beginnen: Moderne Büro-Kommunikation zeichnet sich durch Fremdwörter, hochgestochene Phrasen und eine Reihe von Ritualen aus. Foto: gms

Künftige Veranstaltungen sind „upcoming events“, die die Herren am „desk“ (früher tat’s auch ein Tisch) nicht etwa in Planung, sondern in der „Pipeline“ haben. Das Alltagsgeschäft ist „daily business“, den Überblick jüngster Entwicklungen gibt es als „update“. Nichts strukturiert das deutsche Wirtschaftsleben so wie das allgegenwärtige Ritual der Besprechung. Ihm werden eigene Räume gewidmet, nicht selten die größten und schönsten des Unternehmens, und der Luxus, sie die meiste Zeit des Arbeitstages leerstehen zu lassen, unterstreicht die Bedeutung, die die Ritter der Schwafelrunden ihren Ritualen beimessen.

Wie zum Zeremoniell eines Fürstenhofs oder zum schamanischen Ritus eines archaischen Urwaldvolkes wird der Besprechungsraum mit den Zauber-Werkzeugen der Macht ausstaffiert: Flipchart, Moderationskoffer und Beamer sind das Minimum. Die Bedeutung des Vorgangs „Besprechung“ hebt eine ganz eigene Sprache hervor.

Hier wird nicht Deutsch geredet, sondern eine zeremonielle „corporate language“ gesprochen, die gern so etwas wie Büro-Latein wäre, mindestens eine Fachsprache von wissenschaftlichem Glanz. Meist handelt es sich schlicht um einen Jargon, dessen angeberische Wichtigtuerei außerhalb des Besprechungsraums höchstens Heiterkeit auslöst.

Was professionell klingen soll, ist von magischem Denken durchdrungen

Was besonders rationell, kühl analysiert und professionell klingen soll, ist häufig von höchst albernem magischem Denken durchdrungen: Da wird „gebrainstormt“ statt nachgedacht, die „timeline“ anstelle des Zeitplans besprochen, auf dem Tisch, pardon: „desk“ stehen „softdrinks“ statt Erfrischungsgetränke - in der Hoffnung, dass Aufgeblasenheit der Begriffe der Sache zu höherer Wichtigkeit verhilft.

Der Produzent Ingo Fliess hat zusammen mit dem Filmemacher Stefan Landorf mehrere Monate in deutschen Besprechungsräumen für einen Dokumentarfilm verbracht. Das Team filmte Formen einer Inszenierung, die viele wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Bereiche so sehr durchdrungen hat, dass ihre Rituale bereits von den Inhalten losgelöst erscheinen.

„Grundsätzlich kann man sagen: Je länger eine Besprechung, desto weniger klare Ergebnisse bringt sie hervor“, so Ingo Fliess. Die Sprecher versteckten sich regelmäßig hinter einer entpersonalisierten Sprache: „Da wird bei der Stadtreinigung Berlin die Vertagung eines Themas nicht etwa mit Frage eingeleitet, ob man das Verschieben solle, sondern gefragt: Wäre das ein Verbleib, wenn...“

Fliess und Landorf filmten insgesamt zwölf Besprechungen, unter anderem bei dem Pharma-Unternehmen Glaxo Smith Kline in München, der Berliner Stadtreinigung, der Kindernothilfe Duisburg, einer Justizvollzugsanstalt, einem Finanz-Unternehmen in Frankfurt und im Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr in Neubrandenburg. Ihre Ausgangsthese: Besprechungen sind eine geheime Angelegenheit, man kommt nicht rein, und wenn man drin ist, versteht man nichts.

Umso überraschter waren die Filmemacher von der Besprechungskultur, die sie bei der Bundeswehr vorfanden: „Ausgerechnet dort lief es am menschlichsten und effektivsten ab“, staunt Fliess. Im Film drängt sich die Erklärung allerdings förmlich auf: In der Bundeswehr-Besprechung muss niemand erst mühsam seinen Rang und damit die Bedeutung seiner Äußerung herbeiquatschen - er trägt ihn ja bereits auf der Schulter. Dort setzt sich allerdings auch keiner, bevor der Chef des Stabes kommt und alle Teilnehmer per Handschlag begrüßt hat.

„Plastikwörter“ und Hierarchie-Inszenierung

Je weniger offen die Hierarchie im zeremoniellen Aufbau der Besprechung zu erkennen ist, desto mehr Zeit und Rituale werden offenkundig auf Darstellung und Inszenierung der Rangordnung verwendet. Fliess: „An den Besprechungen sieht man, wie eine Firma tickt. Meist geht es darum, wer die meiste Redezeit bekommt.“ Und die wird dann gern mit Zauber-Vokabeln der Ritual-Sprache gefüllt. „Plastikwörter“ hat der Linguist Uwe Pörksen dieses Arsenal einer uneigentlichen Sprache genannt.

Selbst wenn das Alphatier am gefühlten Kopfende eines runden Tisches nur väterliche „Gute Macht“-Geschichten erzählt, so lautet der mittransportierte Subtext seiner Botschaften stets: „Ich Chef, du zweite Geige.“ Die Wirkung beschreibt der Wirtschaftsjournalist Jochen Mai („Die Karriere-Bibel“) so: „Mit jedem Meeting scheint die Meinungsvielfalt im Büro regelmäßig abzunehmen.“

Kollegen, die eben noch vor Eloquenz und dezidierten Ansichten strotzten, säßen nun stumm da. Die dominanten Beiträge blieben immer dieselben beiden: Zustimmung und Wiederholung. Hinter manchem stummen Blick auf den Besprechungs-Tisch lauert offenbar die Stromberg-Überlegung: „Sieht aus wie ein Sargdeckel, könnte aber auch ein Karriere-Sprungbrett sein.“

„Besprechung“

Der Dokumentarfilm von Stefan Landorf beschreibt Rituale formeller Kommunikation anhand von Gesten und Äußerungen der Teilnehmer von Sitzungen, Meetings und Konferenzen.

Allen gemeinsam ist das teils rührend komische Bemühen, mittels der Besprechungs-Inszenierung Effizienz, Klarheit und Sachlichkeit herzustellen.

Sendung „Besprechung“, heute, 22.25 Uhr, 3sat

Quelle: RP

 
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