Deutschland klagt über Stress: Warum überhaupt arbeiten?
VON CHRISTOPHER WECKWERTH - zuletzt aktualisiert: 01.12.2011 - 08:59Düsseldorf (RPO). Kaum etwas prägt den Alltag eines Erwachsenen so sehr wie seine Arbeit. Es wird diskutiert über den Arbeitsmarkt, Arbeitsplätze, Arbeitgeber, Arbeitsagenturen und vieles mehr. Das gesellschaftliche Grundverhältnis von Arbeit wird nur selten thematisiert.
Klar, es gibt kaum jemanden, der nicht hin und wieder über zu viel Arbeit klagt. Trotzdem versucht jeder nach Möglichkeit einem Beruf nachzugehen, in dem er sich auch ausleben kann. Das ist – trotz aller Einschränkungen – das Glück der freien Beschäftigungswahl. Doch erster Zweck der Arbeit bleibt der Broterwerb.
So weit, die Arbeit als persönliche Strafe zu bezeichnen, würden heute aber nur die wenigsten gehen. Doch lange Zeit wurde die körperliche Tätigkeit als eben dies empfunden. Das lässt sich unter anderem auf die Bibel zurückführen, wo Adams und Evas Vertreibung aus dem Paradies für den Mann die Arbeit zur Folge hat, „im Schweiße seines Angesichts“. Das weibliche Äquivalent dieser biblischen Arbeit sind die Wehen der Geburt.
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Dieses Verständnis bildete die Grundlage nicht zuletzt der überholten Rollenbilder der klassischen europäischen Familie, aber ebenso der lange währenden Ansicht, dass körperliche Arbeit ehrlos sei. Die in der Antike vorherrschende Einstellung ähnelte dem sehr, wie die Sklaverei in diesen Gesellschaften eindrücklich belegt.
Macht und Ansehen hatte, wer nicht körperlich arbeiten musste. Ausläufer dessen zeigten sich hierzulande bis ins frühe 20. Jahrhundert in Form des privilegierten Adels. Friedrich Nietzsche nannte noch 1878 jeden, der nicht zwei Drittel des Tages für sich hatte, einen Sklaven. Beides sind Ausnahmen – denn das Verhältnis zur Arbeit hat sich mit dem Protestantismus des 16. Jahrhunderts grundlegend geändert.
Arbeit als Selbstverwirklichung hat keine lange Tradition
Mit Martin Luther wurde die Arbeit als ein Ausdruck der Dankbarkeit für die Erlösung durch Christus etabliert. Sie wurde als Aufgabe oder, mit einem moderneren Begriff, als die Natur des Menschen begriffen, die ihn vom Tier unterschied. Etwa zur selben Zeit begründete Johannes Calvin seine Theorie, auf der die angloamerikanische Denktradition basiert, die sich noch heute von der kontinentaleuropäischen unterscheidet. Darin wird Reichtum als Ausdruck des Segens anerkannt. Die Arbeit ist austauschbares Element geworden, zum eigenverantwortlichen Streben nach Glück.
Heutzutage sprechen Politiker jeglicher Couleur nicht nur in Deutschland davon, dass „Arbeit sich wieder lohnen muss“. Was bei den Arbeitnehmern ankommt, ist allerdings immer häufiger das Gegenteil: Arbeit für ein Gehalt, das nicht einmal den Grundbedarf abdeckt.
Während sich praktisch keine soziale Schicht mehr grundsätzlich der Erwerbstätigkeit entziehen kann, ist das Verhältnis der geleisteten Arbeit zum Ertrag auseinandergedriftet. Das betrifft nicht nur die Entfremdung der individuellen Arbeit vom fertigen Produkt, sondern auch die ungeheure finanzielle Dimension.
Steigender Leistungsdruck, fehlende Anerkennung
Es gibt Berichte von einzelnen Investmentbankern, die täglich mit Werten handeln, die über dem Jahresumsatz so manchen mittelständischen Betriebs liegen. Nun wäre es unangebracht, die jeweiligen Arbeiten allein in ihrer finanziellen Dimension zu vergleichen und es ist der Sache zu Eigen, dass sie sich unterschieden. Doch es wirft die Frage auf: Welche Rolle spielt der einzelne Arbeitnehmer – im einen wie im anderen Extrem?
Damit bezieht sich das Verhältnis zur Arbeit auch auf die Debatte über mehr politische Mitsprache und die Repräsentation von Wählerinteressen. Der „Held der Arbeit“ des Sozialismus ist, auch im ideologisch befreiten Sinne, Vergangenheit. Im Gegenteil beklagen immer mehr Menschen fehlende Anerkennung ihrer Leistung. Die persönliche Erfüllung, die Selbstverwirklichung, die das Kernversprechen des Kapitalismus darstellt, wird in diesen Fällen gleichsam auf eine harte Probe gestellt. Doch gerade darauf basiert unsere Vorstellung von Arbeit.
Selbstverständlich sind die Arbeitsbedingungen in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen zivil – so zivil wie selten zuvor. Der Arbeit muss allerdings ein gemeinschaftlicher Sinn zugrunde liegen, der gemessen an den gesellschaftlichen Realitäten nachvollzogen werden kann.
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