Schon gehört?: Wenn die Büro-Gerüchteküche brodelt
zuletzt aktualisiert: 30.10.2006 - 14:25München/Hamburg (RPO). Schon gehört? Der Chef hat mit der kleinen Blonden aus der Buchhaltung... Immer wieder gibt es Neues aus der Gerüchteküche. Stehen im Betrieb eventuelle Veränderungen an, verbreiten sich Verschwörungstheorien und Vermutungen in Windeseile.
Dabei entfalten sie oft eine enorme Kraft und richten großen Schaden an. Mit der richtigen Informationspolitik seitens der Firma oder durch einen gezielten Eingriff im zwischenmenschlichen Bereich gibt es per Flurfunk weniger zu berichten.
"Gerüchte gab es immer und wird es auch weiterhin geben", lautet die nüchterne Einschätzung des Anwalts Michael Scheele aus München. Zu groß sei das Bedürfnis, Wissenslücken mit Mutmaßungen zu schließen. Orientierungslosigkeit oder Unsicherheit werden gerne mit Spekulationen verringert. Wer Gerüchte in die Welt setzt, versucht damit oft auch Aggressionen abzureagieren, so der Sachbuchautor, der jüngst ein Buch über Gerüchte verfasst hat.
Konspiratives Zusammenrücken
In Zeiten von Verunsicherung haben Gerüchte die besten Voraussetzungen: Wenn viel in Bewegung ist und Mitarbeiter nicht genau wissen, wie es mit ihrem Betrieb weitergeht, dann würden eben auch ungesicherte Informationen weitergegeben, sagt Christine Öttl, Coaching-Expertin aus München. "Gerüchte haben ja auch etwas Positives, etwas Verbindendes: Wer Gerüchte austauscht, kommt miteinander ins Gespräch. Es hat auch etwas Konspiratives, das einen zusammenrücken lässt."
Nicht immer sind sie folgenlos: "Manchmal entstehen völlig grundlos die wildesten Geschichten", sagt Christine Öttl, die früher selbst als Führungskraft gearbeitet hat. "Das kann sich negativ auf die Arbeitsatmosphäre und auf die sozialen Beziehungen auswirken." Wenn in der Firma Veränderungen anstehen, sollten die Verantwortlichen deshalb damit nicht hinter dem Berg halten und erklären, was passiert.
Richtige Informationspolitik ist wichtig
Viele Unternehmen spielten auf Zeit und versuchten zunächst, keinerlei Auskünfte zu geben, hat Claudia Cornelsen beobachtet. Das sei aber genau die falsche Strategie, um Reputationsverluste zu vermeiden, warnt die PR-Beraterin aus Hamburg. "Das ist Wasser auf die Mühlen des Gerüchts." Wenn noch Klärungsbedarf besteht, sei die beste Krisen-PR zunächst einzuräumen, dass etwas falsch gelaufen sein könnte und Klärung zuzusagen.
Mitarbeiter, die von beunruhigenden Gerüchten über die Zukunft des Betriebes erfahren, sind gut beraten, bei Vorgesetzten zu fragen, ob sie der Wahrheit entsprechen, empfiehlt Christine Öttl: "Oft steckt nur Pipifax dahinter, und einige Leute machen daraus gleich ein Drama." Häufig dringen Gerüchte gar nicht bis zu den Vorgesetzten durch.
Gerüchte, die persönlich werden
Noch schwieriger kann das bei Gerüchten sein, die einzelne Mitarbeiter betreffen. Zwischen Klatsch und übler Nachrede gibt es eine breite Grauzone: Wenn gerüchteweise verlautet, die neue Kollegin habe sich in die Führungsposition doch nur "hochgeschlafen", oder dem älteren Kollegen hinter vorgehaltener Hand ein massives Alkoholproblem nachgesagt wird, kann das für die Betroffenen üble Folgen haben. Sind Gerüchte erst in der Welt, ist ihnen oft nur schwer beizukommen. "Es gibt immer Typen, die solche Gerüchte streuen, ohne darüber nachzudenken, was sie da tun", sagt Öttl.
"Manche Gerüchte werden auch in böswilliger Absicht ganz gezielt gestreut", sagt Claudia Cornelsen. Wer selbst davon betroffen ist, sollte die "Gerüchtestreuer" auffordern, Farbe zu bekennen. Die Coaching-Expertin empfiehlt, authentisch zu reagieren, sich hinzustellen und dazu aufzufordern, die Behauptungen offen zu wiederholen.
Den Wind aus den Segeln nehmen
Wer Zeuge von Gerüchten über andere wird, sollte in der Regel besser nicht zur betroffenen Person gehen und sie warnen. "Damit gießt man nur Öl ins Feuer. Dann eskaliert der Konflikt und man kommt nicht wirklich weiter", sagt Christine Öttl. Besser sei es, demonstrativ kritisch nachzuhaken: Skeptische Anmerkungen wie "Was ehrlich? Das kann ich mir gar nicht vorstellen!" würden Gerüchteköchen oft schon die Suppe versalzen. "Die kommen dann ins Schleudern", sagt Öttl. Man kann aber auch deutlicher werden und fragen "Ist dir eigentlich bewusst, was du damit anrichten kannst?"
Auf eine Welt ohne Gerüchte zu hoffen, hält Michael Scheele für aussichtslos. Aber ihre Auswirkungen und Lebensdauer könnten doch verringert werden. An die Vernunft zu appellieren, Gerüchten nicht blind zu glauben, ist nach Christine Öttls Erfahrung durchaus nicht aussichtslos. Gerüchte verbreiten sich zwar rasend schnell - aber wenn immer mehr dafür spricht, dass sie falsch sind, verschwinden sie auch schnell in der Versenkung: "Die Leute sind ja nicht doof. Die merken mit ein bisschen Nachdenken bald, wenn etwas völliger Quatsch ist." Manchmal reiche es schon, seine Zweifel laut auszusprechen, um sicherzustellen, dass das jüngste üble Gerücht keine Karriere mehr vor sich hat.
Literatur: Michael Scheele: Das jüngste Gerücht, mvg Verlag, ISBN 3-636-06282-4, 19,90 Euro.
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