Uni simuliert den Ernstfall: Wenn es in der Arbeitswelt kracht
VON ANDREAS GRUHN - zuletzt aktualisiert: 20.06.2011 - 09:12Mönchengladbach (RP). Der Vorwurf der blutjungen Kollegin sitzt wie eine Ohrfeige. "Entweder Kind oder Karriere. Beides geht nicht. Sie hätten sich halt keines anschaffen sollen", raunzt die ehrgeizige Job-Einsteigerin ihrer privat überarbeiteten Kollegin zu. Dabei sollen die beiden in einem Team zusammenarbeiten, zum Wohle des Textilunternehmens.
Und die Chefin sitzt stumm dabei und nickt. Drei Frauen im Zoff, und keiner weiß, wie die beiden jemals wieder miteinander auskommen sollen. So wollten es die drei Studentinnen der Hochschule Niederrhein ja auch vorführen in ihrer Simulation. Ihr Schauspiel ist gelungen.
Das Ganze schaut sich Kerstin Schafhausen mit scharfem Blick an. Sie ist Leiterin der Personalabteilung der Modefirma Gardeur, ein Profi, der nun über die Aufführung urteilt: "Die Teamleitung war zu schwach. Sie haben sich zu oft überfahren lassen von der jungen Kollegin. Das geht nicht. Und mir fehlte am Ende ein Aktionsplan. Merken Sie sich: Ein Chef will keine Probleme, er will Lösungen."
Das sind Sätze, die es in einer Vorlesung normalerweise nicht zu hören gibt. Bei Professor Marcus Weber von der Hochschule Niederrhein (HN) in Mönchengladbach ist das anders. Er ist der Studienleiter Textilmanagement an der HN und bietet den Studenten eine völlig andere Vorbereitung auf den Job: Angewandte Führungslehre, Pädagogik. Job Simulation heißt seine Lehrveranstaltung, in der er die Studenten auf Krisensituationen im Job vorbereitet. Ein erstes Training für neues Führungspersonal in Sachen "Soft Skills".
Viel versprechender Ingenieur-Nachwuchs für die Textilbranche sind die Mönchengladbacher Studenten schon. Nach dem Diplom werden die Fachkräfte aber eben auch nach sozialen Kompetenzen beurteilt. Aus stressigen und problematischen Situationen das Beste zu machen, das falle vielen schwer, wenn sie nach der Uni in einen Betrieb kommen, sagt Weber. "Dabei ist es so wichtig, darauf vorbereitet zu sein."
Vorbereitung auf den Ärger im Büro
Weber pflegt diese Krisenmomente so zu umschreiben: "Man kommt nicht dazu, den Zaun zu reparieren, weil man permanent damit beschäftigt ist, die entlaufenen Hühner wieder einzufangen." Und dafür hat er Fachleute engagiert: Kerstin Schafhausen, Hartmut Otto (Agentur für Arbeit, Experte für Betriebspsychologie), die Coaching-, Karriereplanung- und Persönlichkeitsmarketing-Expertin Romy Winter, Ingenieur Manfred Mayer aus dem wissenschaftlichen Beirat der Uni Stuttgart und Udo Bub, Leiter Technischer Service der Fiat Automobil AG. Die mehr als 20 Studenten führen ihnen ihre Rollenspiele mit Problemfällen wie Team-Ungleichheiten, Streitschlichten und uninteressierter Kunde vor. Die Experten geben ihr Urteil und ihre Tipps sowie ihre Kompetenz weiter, die sie sich selbst erst im Job angeeignet haben.
Es gehört viel Kreativität dazu, einen Studenten auf den Krach am Arbeitsplatz vorzubereiten. Vier Mal hatten die Studenten Unterricht in angewandter Führungslehre bei Professor Marcus Weber, dann ging es zur Simulation. "Ich habe so viele Fehler gesehen, die hätte ich sonst erst im Job gemacht", meint Indra Milles (27) aus Düsseldorf, die die überarbeitete junge Mutter gespielt hat. Und Durani Roeina (25) aus Neuss, die zurückhaltende Chefin, meint: "Man lernt von solchen Projekten viel mehr als bei einer Klausur. Jeder Charakter kann sich in der Branche seinen Weg suchen." Kurz darauf führt die nächste Gruppe ihr Schauspiel auf. Der Chef bittet zwei Mitarbeiter zu sich ins Büro und teilt beiden mit, dass nur einer die Fortbildung besuchen kann. Dann geht er, und der Zoff beginnt. "Zwei Mitarbeiter einzuladen, einem etwas zu geben und dann rauszugehen – das ist ein Kardinalfehler", bemerkt Udo Bub.
Die Studenten Indra Milles und Durani Doeina, die nun im Publikum sitzen, kritzeln hastig auf ihrem Notizblock. Sie schreiben jedes Wort mit. Dann schauen sie zufrieden auf. Sie haben die Lektion gelernt.
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