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Umsteigen, wenn das Pferd tot ist: Wie schwierig ist der berufliche Neuanfang?

VON SIMONE JANSON - zuletzt aktualisiert: 17.05.2011 - 16:33

Düsseldorf (RPO). Einfach etwas ganz anderes machen, den Job, ja die Branche wechseln: Davon träumen viele. Doch leicht ist der Neuanfang in einem anderen Bereich nicht. Gerade in Deutschland haben es Quereinsteiger immer noch schwer.

In einer Umfrage unter Arbeitnehmern fand das Beratungsunternehmen Gallup 2010 heraus: Gut 66 Prozent der Deutschen machen Dienst nach Vorschrift und zählen die Stunden bis zu Feiertagen und Urlaub. Und gar 23 Prozent hat innerlich gekündigt. Richtig motiviert arbeiten noch ganze 11 Prozent. Aber warum ziehen diese Arbeitnehmer keine Konsequenzen? Warum wagen sie nicht einfach den beruflichen Umstieg?

Tatsächlich gibt es viele Beispiele erfolgreicher Quereinsteiger. Die frühere ÖTV-Vorsitzende und spätere Kanzlerberaterin Monika Wulf-Mathies etwa begann ihre Karriere als Historikerin und kam als Seiteneinsteigerin in Politik und Wirtschaft. Ab 2009 war sie Managerin bei der Deutschen Post DHL. Über ihre Karriere sagt sie heute: „Man braucht Engagement und Fleiß, Leistungswillen, Freude an der Arbeit, Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, Risikobereitschaft, ein gesundes Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Entscheidungsfreude, und nicht zu vergessen: Glück!“

Auch viele andere haben es geschafft, ungewöhnliche Karrierewege zu gehen: Der Politikwissenschaftler Johannes Lenz etwa gelangte über viele Umwege in die Kommunikationsabteilung einer Werbeagentur, der Historiker Stephan Zeilinger wurde Referent in einer Kanzlei für Patentrecht und den Mathematiker Robindro Ullah verschlug es in die Personalabteilung der Deutschen Bahn.

Das zeigt: Quereinstiege sind alles andere als selten. Dennoch gelten Menschen, die nach ihrer Ausbildung etwas ganz anderes machen, nach wie vor als Exoten und haben es entsprechend schwer. Sie werden von gradlinigen Karrieristen belächelt, den ehemaligen Kollegen beargwöhnt und von so manchem Personaler nicht ganz voll genommen. Schon bei der Bewerbung müssen sie besser sein als die anderen und sich später im Berufsalltag immer wieder neu unter Beweis stellen.

Deutschland liebt den schnurgeraden Lebensweg

Grund für den Argwohn: Noch immer gilt in Deutschland ein schnurgerader Lebenslauf als das Ideal. Man macht eine Berufsausbildung oder absolviert ein Hochschulstudium auf einen bestimmten Beruf hin – und diesen übt man dann sein ganzes Leben lang aus. Wer von diesem Ideal abweicht, muss schlecht in seinem Job sein – oder er ist einfach ein unzuverlässiger Mitarbeiter.

Der Grund: Personaler bleiben gerne auf der sicheren Seite – denn wenn sich die Entscheidung hinterher als falsch herausstellt, könnten sie ja leicht in Erklärungsnöte kommen. Dennoch müssen Unternehmen umdenken: Neue Aufgabenbereiche und Berufsbilder entstehen aufgrund der technologischen Veränderungen heute zum Teil schneller, als die Hochschulen ausbilden können. Das erfordert auch von Kandidaten eine höhere Flexibilität und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen.

Wer sich neu orientieren will, dem macht der Psychologe Tom Diesbrock Mut. In seinem gerade erschienen Buch „Ihr Pferd ist tot? Steigen Sie ab!“ setzt er sich mit beruflichen Veränderungen auseinander. Seine Auffassung: Das menschliche Gehirn ist so ausgelegt, dass wir gerne an Vertrautem und Bewährtem festhalten, uns Neues aber Angst macht. Daher behalten wir lieber einen sicheren Job, als etwas Neues auszuprobieren.

Menschen, die genau dieses Risiko eingehen, gehören also zu den engagierteren und mutigeren. Diesbrock, der selbst ein Medizinstudium abgebrochen hat und heute als Coach arbeitet, bringt es auf den Punkt: „Das Gehirn wird heute als lebenslang lernfähig angesehen. Wenn Sie sich mit 70 noch entscheiden, Japanisch zu lernen, haben Sie dafür also die ausreichende Hardware.“


 
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