Fast jeder zweite Arbeitnehmer sucht einen Nebenjob: Zweitjobs werden immer beliebter
zuletzt aktualisiert: 15.08.2004 - 09:35Bad Honnef (rpo). Erholung am Wochenende? Die Freizeit genießen? Etliche Menschen verneinen solche Fragen. Weil das Geld knapper und knapper wird, suchen sich immer mehr Personen einen Zweitjob. Das Interesse daran hat stark zugenommen.
Viel Erholung ist für Gaby Lingen nicht drin. Während sie werktags in halber Stellung als Telefon-Agentin in einem Logistik-Unternehmen arbeitet, steht die 34-Jährige aus Bad Honnef samstags und sonntags hinter dem Tresen: "Manchmal bis zu zwölf Stunden am Stück", erzählt die Mutter eines achtjährigen Sohnes.
Lingen hat wie viele Menschen in Nordrhein-Westfalen einen Zweitjob, weil sonst das Geld nicht reicht. Aber der Kellner-Job gefällt ihr. "Trotz des ganzen Stresses macht das unheimlich viel Spaß", lacht sie. Auch privat gehe sie gerne aus, warum solle man also nicht das Praktische mit dem Nützlichen verbinden? Außerdem springe dabei locker ein Urlaub für die Familie heraus.
Das Interesse in der Bevölkerung an Zweitjobs hat in jüngster Zeit deutlich zugenommen. Galt vor zwei bis drei Jahren die Freizeit noch als eines der höchsten Güter in Deutschland, wünscht sich laut einer Umfrage der Internetstellenbörse "Stellenanzeigen.de" inzwischen jeder Zweite einen Nebenjob.
Jobben statt entspannen
Statt zu entspannen steht nun jobben auf dem Freizeitplan. Zweitjobber gehen unter anderem kellnern, frühmorgens Zeitungen austragen oder im Lager Kisten stapeln. Auch an Tankstellen verdienen sich immer mehr Arbeitnehmer ein Zubrot als Kassierer.
Spaß an ihrem Zweitjob hat auch Isabel Kühnl, Justizangestellte aus Gelsenkirchen. Mindestens einmal in der Woche geht die halbtags arbeitende alleinerziehende Mutter "tuppern". Weil der Vater des Kindes keinen Unterhalt zahle, sehe es finanziell derzeit nicht so rosig aus, gibt sie als Grund an. Reich wird Kühnl mit ihrem Nebenjob zwar auch nicht, aber mit dem Zusatzeinkommen kann sie ihre Tochter neu einkleiden oder die Klassenfahrt finanzieren.
Seit Einführung der Minijobs ist eine Nebenbeschäftigung für viele attraktiver geworden. Bis zu 400 Euro monatlich gibt es netto - ohne Abzüge und zusätzlichen Sozialversicherungsabgaben, die erst ab 401 Euro fällig werden.
Nicht zuletzt Gastronomen begrüßen das
Nicht zuletzt Gastronomen begrüßen das. "Seitdem ist es auch für uns einfacher geworden, Saisonkräfte einzustellen", sagt etwa der Wirt des Kölner Haxenhauses. Wenn der Laden brumme, brauche er neues Personal. Und weil die abzugsfreie Grenze bis 400 Euro für die Aushilfskräfte lukrativer sei, fänden sich genug eifrige Mitarbeiter.
"Zweitjobs gibt es in jeder Sparte. Ob Einzelhandel, Paketdienst oder Pizzaservice", weiß Rainer Wolf von der Hamburger Nebenjob-Zentrale. Er betreibt das Internet-Portal www.nebenjob.de, eine der wichtigsten Anlaufstellen für alle, die etwas hinzuverdienen wollen. "Wir haben zu 90 Prozent Anfragen von Leuten, die bereits einen festen Job haben und es werden mehr", so Wolf.
Amerikanische Verhältnisse in Deutschland sehen die Experten aber derzeit noch nicht heraufziehen - auch wenn die Zahl der Nebenjobber steigt. Allein im ersten Quartal waren es nach Angaben der Minijob-Zentrale 7,2 Millionen Menschen. Die meisten suchen einen Zweitjob, um über die Runden zu kommen oder um sich ein bisschen Luxus leisten zu können.
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