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Leverkusen
Bieterkampf um Monsanto

Leverkusen. Kaum im Amt, will Bayer-Chef Baumann den US-Konzern übernehmen, der sich mit "Agent Orange" und Gentechnik einen zweifelhaften Ruf erworben hat. Monsanto nennt die Offerte unerbeten. Bayers Aktie bricht wegen der Risiken ein. Von Antje Höning und Birgit Marschall

Werner Baumann ist noch keine vier Wochen Bayer-Chef, da steht er schon im Mittelpunkt einer milliardenschweren Übernahmeschlacht. Der 53-Jährige will den umstrittenen US-Konzern Monsanto übernehmen und muss den Kampf nun auf offener Bühne führen. So mag man es in Leverkusen eigentlich gar nicht.

Doch nachdem Monsanto-Vorstand Brett Begemann Medienberichte über eine Fusion als "wilde Spekulation" bezeichnet hatte, widersprach Monsanto dem eigenen Mann öffentlich: "Wir bestätigen, dass wir ein unerbetenes, nicht-bindendes Angebot der Bayer AG erhalten haben." Hätte man Begemanns falsches Dementi stehen gelassen, hätte man nach den Regeln des Kapitalmarktes die Gespräche sofort auf Eis legen müssen. Gestern zog Bayer mit einer Erklärung nach, betonte aber, es handele sich um vertrauliche Gespräche über eine einvernehmliche Übernahme. Die Reaktionen von Anlegern und Politik kamen prompt und spiegelten die Risiken des Deals wider.

Umstrittener Konzern Monsanto ist einer der umstrittensten Chemiekonzerne der Welt. Zusammen mit Bayer hatte er einst ein Gemeinschaftsunternehmen (Mobay), das das Pflanzengift "Agent Orange" herstellte. Dies setzte die US-Armee während des Vietnam-Kriegs zur großflächigen Entlaubung von Wäldern ein, um Feinde aufzuspüren.

Bis heute hat Monsanto bei Naturschützern ein schlechtes Image, weil es Genmais und andere Genpflanzen im großen Stil züchtet und vertreibt. Zudem ist Monsanto Hersteller des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat.

Der Bayer-Konzern, der sich in den vergangenen Jahren viel Mühe gegeben hat, als sauberes Unternehmen dazustehen, könnte wieder zur Zielscheibe der öffentlichen Kritik werden. Auf künftigen Hauptversammlungen würden nicht nur Bienenschützer aufmarschieren. Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) warnt: "Die Konzentration der Macht über Saatgut und Pflanzenschutzmittel zwingt Landwirte in der EU, aber auch in Entwicklungs- und Schwellenländern in die totale Abhängigkeit. Wir brauchen mehr Vielfalt und Alternativen und kein Chemieoligopol in der Landwirtschaft", sagte Habeck unserer Redaktion.

Teurer Deal Die Leverkusener können Milliarden-Deals, wie sie 2006 mit der Übernahme des Berliner Pharmaherstellers Schering für 17 Milliarden Euro gezeigt haben. Mit der erfolgreichen Schering-Integration hatte sich Baumann auch für Höheres empfohlen. Doch Monsanto ist eine andere Größenordnung. Der US-Konzern ist an der Börse umgerechnet fast 40 Milliarden Euro wert. Da ist das Geld, das Bayer aus dem gestern verkündeten Verkauf der Hobbygärtner-Geschäfte (Bayer Garten, Bayer Advanced) einnimmt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Selbst der komplette Verkauf der Kunststofftochter Covestro würde nur ein paar Milliarden einbringen. Analysten erwarten, dass Bayer sich frisches Geld von Aktionären holen würde. Da jede Kapitalerhöhung die Anteile der Altaktionäre verwässert, brach die Bayer-Aktie gestern um 8,3 Prozent auf 88 Euro ein. Das ist weit vom Rekordkurs von 145 Euro von April 2015 entfernt. Damit stürzt Bayer vom Börsenthron und ist nicht mehr wertvollster Dax-Konzern.

Feindliche Übernahme Bayer hat die großen Deals der Vergangenheit stets freundlich abgewickelt. Bei Schering war man sogar als "weißer Ritter" eingesprungen, die Berliner zogen Bayer dem Konkurrenten Merck vor. Nun aber kündigt das Unternehmen aus St. Louis Widerstand an. Der Verwaltungsrat werde die unerbetene Offerte prüfen, teilte Monsanto mit. Begeisterung klingt anders. Offen blieb, ob auch der größte deutsche Chemiekonzern BASF eine Offerte abgegeben hat und wie Monsanto diese bewertet. Die BASF-Aktie ging ebenfalls auf Talfahrt. Die Monsanto-Aktie bekam in Erwartung der Übernahmeschlacht Aufwind und legte um vier Prozent zu.

Unternehmerisch sinnvoll Aus unternehmerischer Sicht wäre der Zusammenschluss sinnvoll, meint Jacob Thrane, Analyst der Baader Bank. Die Konzerne ergänzen sich: Monsanto deckt Amerika ab, Bayer Asien und Europa. Monsanto ist stark bei Saatgut, Bayer bei Pestiziden. Zudem ist Monsanto führend bei gentechnischen Produkten, die als Geschäft der Zukunft gelten, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Und auf dem globalen Markt geht es um schiere Größe: Steigende Entwicklungskosten und die Krise der Schwellenländer zwingen zu Fusionen. Entsprechend erklärte Bayer: "Ein Zusammenschluss würde Bayer in seinen Kerngeschäften stärken und ein führendes integriertes Agrargeschäft schaffen." Doch dazu muss Baumann bei Anlegern und Politik noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

Quelle: RP
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