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Düsseldorf
Bis 67 an der Werkbank

Düsseldorf. Weil die Menschen erst später in Rente gehen, muss die Industrie umdenken. Mit Robotern und Jobsharing versucht sie, Ältere länger zu halten. Von Maximilian Plück

An der TU Dortmund bauen Forscher einen Arbeitsplatz aus einem Automobilwerk nach. Getestet wird dort ab September das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Roboter sind in der Branche zwar schon längst gang und gäbe, doch beschränkt sich ihr Einsatz bisher überwiegend auf abgeriegelte Montagestraßen, in denen der Mensch nichts verloren hat. "Roboter können so hohe Kräfte und Geschwindigkeiten aufbringen, dass sie eine Gefahr für die Beschäftigten darstellen können", sagt Lukas Stankiewicz von der TU Dortmund. Bei dem Versuchsaufbau sollen Mensch und Maschine auf engstem Raum miteinander arbeiten.

Das Thema gewinnt an Bedeutung, weil die Maschinen den Beschäftigten dabei helfen können, länger im Job zu bleiben. Die Fachwelt spricht von der Mensch-Roboter-Kollaboration. "Gerade in komplexen Montagesystemen sind die Leistungsanforderungen an den Mitarbeiter hoch", sagt Stankiewicz. Die Beschäftigten in der Montage müssten hohe Kräfte aufwenden und zugleich präzise arbeiten. Mit zunehmendem Alter wird das schwieriger. Genau da kommt Forschungsprojekt Indiva ins Spiel.

An dem Verbundforschungsprojekt sind neben der TU Dortmund die Ruhr-Universität Bochum, die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, ein großer Automobilkonzern, eine mittelständischen Pumpenfabrik und die Firma Carat Robotic Innovation beteiligt. Der Montageprozess und die Roboter sollen dabei individuell auf die einzelnen Mitarbeiter ausgerichtet werden. Im ersten Schritt ging es den Forschern darum, Bewegungseinschränkungen einzelner Gelenke wie der Schulter zu scannen. "Wir erfassen dafür Körpermaße, um Reichweiten wie Greiflängen vorauszusagen und Kollisionsvorhersagen mit der Umgebung, insbesondere dem Assistenzroboter, zu treffen", erklärt Stankiewicz. Dazu haben die Wissenschaftler bei beiden Unternehmen zunächst passende Arbeitsplätze angeschaut, ausgewählt und diese mit Hilfe von 3D-Modellen am Computer simuliert. "Dazu haben wir das Bewegungserfassungssystem Kinect verwendet, welches bereits von der neusten Generation der Spielekonsole Xbox bekannt ist. Wir haben bestimmte Bewegungsabläufe vorgegeben und Probanden ausüben lassen. Die Sensoren lieferten uns ein genaues Bild von der Beweglichkeit der Beschäftigten." In Zukunft wäre es mit dieser Sensoren-Technik prinzipiell möglich, dass sich der Beschäftigte etwa mit Hilfe einer Chipkarte einmal beim System anmeldet und sich sein Arbeitsplatz dann automatisch auf ihn einstellt.

Doch zunächst dient das gewonnene Modell den Forschern dazu, den Arbeitsplatz in Dortmund entsprechend aufzubauen. Dort kann künftig ein Beschäftigter kinderleicht eine Rückwand in die Karosserie einbauen. "Der Roboter reicht dem Arbeitnehmer eine Baugruppe an, der Mensch kann dann noch die letzten Feinjustierungen vornehmen, muss jedoch selbst keine Kraft mehr aufwenden."

Wenn das System im Spätsommer einsatzbereit ist, schlägt die Stunde der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. "Diese wird dann auch die Akzeptanz eines solchen Arbeitsplatzes durch den Arbeitnehmer abfragen", sagt Stankiewicz. "Dort werden dann Fragen erörtert, ob sich der Beschäftigte auch wohlfühlt mit der Assistenz durch die Maschine."

Zeitgleich zu dem Automobil-Versuchsaufbau in Dortmund wird ein zweiter Demonstrator an der Ruhr-Uni Bochum aufgebaut: "Bei der dortigen Fertigung von Pumpengehäusen nimmt der Beschäftigte den Leichtbau-Roboter an die Hand und zeigt ihm, welche Arbeitsschritte er machen muss", so Stankiewicz. Bei diesem Projekt gehe es um Gelenkschonung. Leichte, aber wiederkehrende Handgriffe, die stark auf die Gelenke gehen, würden von der Maschine abgenommen.

Bei der Frage, wie alte Menschen länger im Job gehalten werden können, geht es aber um weit mehr als den Einsatz von Robotern. Ein Beispiel dafür, was möglich ist, liefert Phoenix Contact, Hersteller von Industrieelektronik in Blomberg. Das Problem mit dem Heben schwerer Bauteile ist dort nicht so ausgeprägt. "Bei uns werden überwiegend leichte Teile verbaut. Entsprechend sind 90 Prozent unserer Arbeitsplätze demografisch betrachtet unproblematisch", sagt eine Sprecherin. Eine Ausnahme sei die Schraubenfertigung, in der es körperlich anstrengende Tätigkeiten gebe. "Dort haben wir aber ein Jobsharing-Modell eingeführt: Mehrere Kollegen teilen sich abwechselnd unterschiedliche Aufgaben." Das habe den Vorteil, dass auf körperlich herausfordernde immer wieder weniger anstrengende Aufgaben folgen. Die Probleme in den übrigen Bereichen rühren der Sprecherin zufolge von einseitigen Bewegungsabläufen und grundsätzlichem Bewegungsmangel her. Deshalb setzt man auf Vorsorge. Schon vor mehr als zehn Jahren hat das Unternehmen ein Gesundheitszentrum eingerichtet, das man sich mit seinen Kursen und Geräten wie ein Fitnesszentrum vorstellen muss, in dem die Mitarbeiter trainieren können. Physiotherapeuten testen dort die Schwachpunkte und bieten spezielle Maßnahmen an. Im Schnitt seien rund 400 Beschäftigte in den Trainings, so die Sprecherin. Zudem gibt es Lauf- und Radfahrteams und eine Fußballmannschaft.

Quelle: RP
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