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Düsseldorf
Zinspolitik kostet Deutsche 30 Milliarden

Düsseldorf. Laut Allianz-Vermögensstudie leidet in Europa niemand so sehr unter der Niedrigzinsphase wie die Bundesbürger. Weltweit bleibt Deutschland im Vermögens-Mittelfeld. Am reichsten sind die Schweizer, am schnellsten wächst China. Von Georg Winters

Zieht man die Schulden der Bundesbürger ab, verbleibt jedem Deutschen im Durchschnitt ein Nettogeldvermögen von knapp 45.000 Euro. Brutto, also vor Abzug der Schulden, entspricht das 64.510 Euro. Das sind der neuesten Vermögensstudie der Allianz zufolge zwar rund vier Prozent mehr als im Vorjahr. Aber erstens wächst das Geldvermögen pro Person damit erneut langsamer als im europäischen Durchschnitt. Und zweitens könnte es durchaus mehr sein, wenn die Deutschen willens wären, beim Sparen ein höheres Risiko einzugehen.

Immer mehr kehren der Börse nämlich den Rücken, obwohl sich in Zeiten niedriger Zinsen nirgendwo so viel Rendite erzielen lässt wie mit Investments am Aktienmarkt. Nicht einmal jeder siebte investiert einen Teil seines Geldes an der Börse, dafür stecken mehr als zwei Billionen Euro in derzeit unrentablen Anlageformen wie Tages- oder Festgeld. Fazit der Allianz: Angesichts der immer noch höchsten Sparquote in Europa sei die Entwicklung "eher enttäuschend, sie spiegelt das unverändert vorsichtige, eher risiko-averse Sparverhalten der deutschen Haushalte wider".

Aber Risikobereitschaft kann man eben nicht erzwingen. Und so leidet keiner in Europa so sehr unter den niedrigen Zinsen wie die Deutschen. Die haben nämlich auf der Habenseite in den vergangenen sechs Jahren zusammengerechnet fast 30 Milliarden Euro an Zinseinkünften eingebüßt; pro Kopf sind das etwa 363 Euro. Umgekehrt profitieren vor allem die Länder in Europa, deren Bürger Schulden haben. Das sind vor allem Portugal, Spanien, Griechenland - also jene Staaten an der Peripherie, die in der Schuldenkrise unter Druck geraten sind. Seit 2010 übersteigen laut Allianz in diesen Ländern die kumulativen Zinsgewinne 1200 Euro pro Kopf. In Portugal und Griechenland macht das jeweils zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Was Inflation konkret bedeutet FOTO: ddp

Die reichsten Privathaushalte auf der Welt gibt es weiterhin in der Schweiz, dahinter folgen die USA, Dänemark und die Niederlande (siehe nebenstehende Tabelle). Noch nicht unter den ersten 20 zu finden ist China, das allerdings den größten Sprung nach vorn gemacht hat. Erstmals hat das Bruttogeldvermögen der Chinesen insgesamt jenes der Japaner übertroffen. Pro Kopf verfügt das Land mit den weltweit meisten Einwohnern über ein Bruttovermögen von 10.205 Euro. Und das dürfte weiter nach oben gehen. Daran ändert auch das derzeit abgeschwächte Wirtschaftswachstum nichts: "Eine Wachstumsverlangsamung, wie wir sie derzeit erleben, ist nicht beunruhigend. Der Aufholprozess Chinas ist damit keineswegs zu Ende", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz.

Das globale Bruttogeldvermögen der 53 in der Studie berücksichtigten Staaten ist um 7,1 Prozent auf mehr als 136 Billionen Euro gewachsen. Damit könnte man zwar alle börsennotierten Unternehmen der Welt kaufen oder dreimal die kompletten Staatsschulden rund um den Globus tilgen. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere zeigt, dass die Vermögenswaage sich immer stärker zugunsten der Reichen neigt. Mittlerweile entfallen auf die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung nur noch fünf Prozent des Vermögens. Die ärmsten unter ihnen sind, gemessen am Brutto-Geldvermögen, die Ukraine (1282 Euro pro Kopf), Indonesien (1162) und Indien (1038). Beim Nettovermögen heißen die letzten drei Serbien (862), Indonesien (707) und Kasachstan (406).

Die Zahlen der Studie sind durchaus repräsentativ, da die 53 Länder, die ihre Daten zur Verfügung stellten, ungefähr neun Zehntel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts auf sich vereinen und etwa 69 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

Die elf ungewöhnlichsten Wirtschaftindikatoren FOTO: Shutterstock.com/ Kaspars Grinvalds
Quelle: RP
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