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Berlin/Ffrankfurt
Bund kassiert fürs Schuldenmachen

Berlin/Ffrankfurt. Die Angst vor einem Brexit hat erstmals auch bei zehnjährigen Bundesanleihen für eine negative Rendite gesorgt. Anleger zahlen also dafür, dass sie dem Bund Geld leihen. Der "sichere Hafen" ist ihnen wichtiger als die Verzinsung. Von Birgit Marschall und Brigitte Scholtes

Die Angst vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU hat erstmals für eine negative Rendite zehnjähriger Bundesanleihen gesorgt. Sparer gucken in die Röhre, für den Steuerzahler ist es dagegen positiv. Das Bundesfinanzministerium kommentierte den Vorgang nicht. Die Negativrendite ändere am Kurs der Haushaltskonsolidierung nichts, hieß es in Regierungskreisen.

Auch wegen der Niedrigzinsen hat der Bund seinen Schuldendienst in den vergangenen Jahren deutlich senken können. Im laufenden Haushaltsjahr dürften die Zinsausgaben erstmals seit langer Zeit unter die 20-Milliarden-Euro-Grenze sinken. Grünen-Finanzpolitiker Gerhard Schick forderte die Regierung auf, angesichts der Negativzinsen mehr Schulden zu machen und mehr zu investieren: "Es besteht großer Bedarf für Investitionen in Instandsetzung der Infrastruktur, für bessere Bildung, Klimaschutz und die Integration der Flüchtlinge." Das Finanzministerium wies das zurück. Sollten die Zinsen wieder steigen, würde sich die höhere Neuverschuldung sofort rächen. Man habe die Investitionen zudem stark hochgefahren. Für den Bund gebe es momentan kaum noch baureife neue Infrastrukturprojekte.

Was bedeutet der Negativzins? Wie beantworten einige wichtige Fragen zu dem Thema:

Warum ist die zehnjährige Bundesanleihe so bedeutsam?

Sie ist das wichtigste Instrument für die Bundesregierung, um ihre Schulden zu finanzieren. Etwa die Hälfte der Schulden des Bundeshaushalts von 1,08 Billionen Euro besteht aus diesen zehn Jahre laufenden Anleihen. Außerdem gilt das Papier, das seit Anfang der 60er Jahre regelmäßig ausgegeben wird, als Orientierungspunkt für andere Staatsanleihen. Und sie ist sehr liquide: Derzeit sind Zehn-Jahres-Anleihen von etwa 500 Milliarden Euro in Umlauf, aber pro Jahr wird das fünffache Volumen gehandelt. Das heißt: Eine solche Anleihe kann jederzeit verkauft werden.

Was bedeutet negative Rendite?

Die Anleger zahlen dafür, dass sie dem Staat zehn Jahre Geld leihen, anstatt selbst Zinsen zu kassieren.

Warum gelingt es der Europäischen Zentralbank nicht, die Zinsen nach oben zu treiben?

Die Unternehmen freuen sich, wenn sie günstig investieren können. aber sie wägen ab: Es kommt ihnen nicht nur auf billiges Geld an, auch die Rahmenbedingungen für Investments müssen stimmen. Wenn die Konjunktur noch nicht läuft, dann halten sich die Firmen mit Investitionen zurück, bis sie absehen können, ob diese Investitionen tatsächlich Ertrag bringen könnten.

Warum nehmen es Investoren in Kauf, mit den Staatsanleihen Geld zu verlieren?

Sie sind stark verunsichert. Die Anleger fürchten einen "Brexit": Wenn die Mehrheit der Briten nächste Woche für einen EU-Abschied stimmt, dürften die Börsen verlieren, und es könnte zu einer Rezession in Großbritannien und starken Verwerfungen der Konjunktur kommen. Auch die bevorstehenden Wahlen in Spanien verunsichern Investoren. Anleger sorgen sich also um die Zukunft der EU und suchen den "sicheren Hafen". Als solcher gelten deutsche Staatsanleihen. Die Nachfrage drückt die Rendite.

Was sagt das über die Wirtschaft?

An den aktuell niedrigen Zinsen wird sich mittelfristig wenig ändern. "Schwaches Wachstum zieht die Inflationserwartungen immer weiter nach unten", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Die Notenbanken versuchten, sich durch aggressive Geldpolitik gegen die sinkenden Inflationserwartungen zu stemmen: "Allerdings kommen sie mit jedem Quartal, in dem sich nichts ändert, mehr unter Druck, ob ihre Rezepte noch die richtigen sind", sagt Kater.

Zahlen Sparer bald Strafzinsen?

Auf Spareinlagen bekommen viele zwar noch einen Minizins, doch beginnen viele Banken ihre Verluste bei Kundeneinlagen mit höheren Gebühren bei anderen Finanzdienstleistungen auszugleichen. Direkt werden viele Privatanleger jetzt auch nicht mehr in Bundesanleihen investieren. In denen tummeln sich aktuell nur die institutionellen Investoren (Versicherer, Fonds usw.).

Quelle: RP
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