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Ludwigshafen
Chemieunfall erschüttert Ludwigshafen

Ludwigshafen. Nach der Explosion legte BASF aus Sicherheitsgründen die Produktion im Stammwerk zum großen Teil still. Mehr als 160 Rettungskräfte waren im Einsatz, um das Feuer zu löschen und nach den Vermissten zu suchen.

Eine riesige Rauchwolke hängt über der Stadt. Ein Internet-Video, aufgenommen aus einem Flugzeug, zeigt meterhohe Flammen am Nordhafen in Ludwigshafen. Eine gewaltige Explosion erschüttert das BASF-Gelände. Von Toten und Verletzten ist die Rede. Die Feuerwehr gibt eine Warnung heraus: Anwohner sollen Türen und Fenster geschlossen halten. Kindertagesstätten werden benachrichtigt, die Kinder sollen vorerst in den Einrichtungen bleiben. Die Schulen sind wegen der Ferien geschlossen. In Ludwigshafen heulen Warnsirenen. Auch im benachbarten Mannheim sollen die Menschen Fenster und Türen schließen. Autofahrer sollen den Bereich großräumig umfahren. Bei Messungen seien aber keine gefährlichen Stoffe in der Luft festgestellt worden, betonte die Stadt. Auch im Rhein wurden laut BASF keine erhöhten Messwerte festgestellt.

Die BASF-Aktie gab um 1,2 Prozent nach und war Verlierer im Dax. Die wirtschaftlichen Folgen wollte Werksleiter Uwe Liebelt nicht beziffern. "Das ist für uns heute irrelevant." Im Vordergrund stehe das Auffinden der Vermissten. Bis zum Abend hatte man zwei Tote geborgen, sechs Schwerverletzte wurden in Kliniken eingeliefert, zwei weitere Menschen wurden vermisst. Im Einsatz waren 100 Mann der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehr Ludwigshafen sowie 62 Mann der Werksfeuerwehr. Auch Notfallseelsorger und weitere Rettungskräfte waren vor Ort.

Die BASF ist der größte Arbeitgeber der Stadt, 39.000 Beschäftigte, das größte zusammenhängende Chemie-Areal der Welt. Die Menschen in den angrenzenden Wohngebieten leben mit der Gewissheit: Es kann immer etwas passieren. "Man lebt einfach damit, das gehört einfach dazu", sagt Michaela Schreiner, die im Louise-Scheppler-Kindergarten im Stadtteil Edigheim arbeitet. "Woanders sind es Kraftwerke, wir haben eben die BASF vor der Nase", sagt die Erzieherin. In den 25 Jahren, seit sie hier arbeite, sei das der zweite größere Vorfall.

Zu dem Unfall kam es nach Angaben der Behörden gegen 11.20 Uhr im Landeshafen Nord bei Arbeiten an einer Rohrleitungs-Trasse. Ob dort unsachgemäß geschweißt oder ein Ventil geöffnet wurde oder es eine ganz andere Ursache gab, blieb gestern offen. Zunächst sei eine Versorgungsleitung in Brand geraten. Als die Feuerwehr zum Löschen eintraf, sei es dann zur Explosion gekommen, wie Liebelt sagte. "Wir werden natürlich alles daran setzen, das schnell in Erfahrung zu bringen." Es gebe auch noch keine näheren Erkenntnisse, welcher chemische Stoff in Brand geraten sei. In dem Hafen würden Gase und brennbare Flüssigkeiten verladen. Mit der Rohrleitungs-Trasse werden die Vorprodukte von den Rhein-Schiffen zu den Produktionsstätten transportiert.

Aus Sicherheitsgründen legte BASF einen großen Teil seiner Produktion in seinem Stammwerk still. Es seien 14 Anlagen heruntergefahren worden, sagte Liebelt. Darunter waren auch die beiden zentralen Steamcracker. Dabei hätten sich Fackeln gebildet, weil Stoffe in Leitungen verbrannt werden müssten. Die Steamcracker sind das Herzstück des Chemie-Werks: Hier werden die langkettigen Kohlenwasserstoffe, die im Rohbenzin vorkommen, mit Dampf vermischt und unter Druck auf 850 Grad Celsius erhitzt. So werden sie in kurzkettige Kohlenwasserstoffe gespalten, aus denen dann Kunststoffe wie Polyethylen oder Polypropylen hergestellt werden, die in vielen Alltags-Gegenständen stecken. Ein Steamcracker ist so groß wie 13 Fußballfelder.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) sprach den Angehörigen der Verletzten und Vermissten seine "tiefe Anteilnahme" aus. Der Landtag will nun klären, wie es zu dem Vorfall kam und welche Folgen er für Menschen und Umwelt hat.

Quelle: RP
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