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Düsseldorf
Chinesen jagen Klöckner

Düsseldorf. Die Stahl-Schwemme aus Fernost lässt weltweit die Preise einbrechen. Klöckner & Co. schreibt einen Rekordverlust und setzt vollmundig auf die Digitalisierung - es ist ein Rennen gegen die Zeit. Von Florian Rinke

Ein Hund mit Ball im Mund - das Firmenlogo des Stahlhändlers Klöckner & Co. soll gleich fünf Botschaften transportieren: ein offenes Ohr, jederzeit auf dem Laufenden, immer am Ball, die Augen auf und die Nase vorn - es ist ganz schön viel, was der kleine Kläffer bewältigen soll. Vielleicht zu viel.

Der Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co. steht unter großem Druck. Weil chinesische Hersteller die Märkte mit billigem Stahl fluten, sind die Preise eingebrochen. Das verdirbt auch den Duisburgern das Geschäft. Die Bilanz des vergangenen Jahres fällt verheerend aus. Die Umsätze sind gesunken, der Konzern schreibt tiefrote Zahlen. Am Ende stand unter dem Strich ein Rekordverlust von 349 Millionen Euro. Es droht der Abstieg aus dem Nebenwerteindex M-Dax.

Doch schon bald will man - wie beim Firmenlogo - die Nase wieder vorn haben. Vorstandschef Gisbert Rühl will das Unternehmen zum Amazon des Stahlhandels umbauen. Die Digitalisierung soll die Duisburger aller Sorgen entledigen - und am Ende auch aller Schulden. Das rechnete Rühl gestern jedenfalls bei der Vorstellung der Bilanz vor.

Denn eins hat er bei Besuchen im Silicon Valley gelernt: groß zu denken. Und so erwähnt er nebenbei, wie Klöckner in Berlin ein Projekt unterstützt, in dem Flüchtlinge Programmieren lernen. Es habe sogar das Interesse von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg geweckt. Dieser habe den ersten Kurs sponsern wollen, erzählt Rühl, "aber das hatte Klöckner schon." Schneller als einer der größten Internetunternehmer der Welt - das hätte man in Duisburg wohl gerne.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Seit einem Besuch im US-Tech-Mekka krempelt Rühl den Traditionskonzern um. Seine Vision ist eine Service-Plattform, über die Klöckner-Kunden alle Geschäfte mit dem Unternehmen abwickeln, auf dem sogar Konkurrenten Waren feilbieten und für die Vermittlung an Klöckner auch noch eine Transaktionsgebühr bezahlen.

In Berlin, fernab vom Duisburger Firmensitz, hat Rühl deshalb ein hausinternes Startup aus der Wiege gehoben. Bei kloeckner.i tüfteln ehemalige Mitarbeiter von Amazon, Rocket Internet und Co. im hippen Großraum am Geschäftsmodell von morgen. "Dadurch kommen wir in den Prozessen extrem schnell voran", frohlockt Rühl.

Was soll er auch anderes sagen? Die Stahlkrise wird so schnell nicht beendet sein und Klöckners Krise auch nicht. Das Personal wurde schon zusammengestrichen, Standorte geschlossen - es braucht also eine positive Geschichte, die Investoren an die Zukunft glauben lässt. Die Service-Plattform ist ein Versprechen auf die Zukunft eines Unternehmens, das in der Gegenwart wenig zu bieten hat. Um flexibler zu werden, will Klöckner nun eigene Programmierer einstellen. Bislang ist man - trotz Digitaloffensive - noch immer auf externe Dienstleister angewiesen.

Gestern wurde immerhin ein neues Projekt der Berliner Dependance vorgestellt: ein Webshop. Super schnell sei der, sagt Rühl: "Und der ist fast einfacher zu bedienen als Amazon, würde ich sagen."

Allein, das Angebot ist dürftig: Zum Start gibt es den Shop nur in Deutschland, erst im Laufe des Jahres sollen weitere europäische Länder hinzukommen. Die Produktauswahl umfasst bislang nur einen Bruchteil des Angebots, soll aber ausgebaut werden. Erst Basisversionen freischalten und nach und nach Funktionen zuschalten - das sei der Ansatz, mit dem auch Startups vorgehen, heißt es. Außerdem seien solche Projekte in der Industrie schwerer zu stemmen als im Konsumentengeschäft. "Es gibt beim Stahl keine ISBN-Nummer wie bei Büchern. Wir müssen also Standards festlegen", sagt Rühl. Die größte Herausforderung sei, die vielen Kunden in die unterschiedlichen Digital-Angebote zu integrieren. Von rund 140.000 Kunden sind erst drei Prozent mit Klöckner online verbunden, Ende des Jahres sollen es zehn Prozent sein.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Längst haben auch Großkonzerne wie Thyssenkrupp die Digitalisierung entdeckt, nehmen sich junge Unternehmen wie das Düsseldorfer Startup Mapudo den Markt vor.

Damit dem Klöckner-Hund unterwegs nicht die Puste ausgeht, müssen sich die Bestrebungen bald auch im Ergebnis niederschlagen. Immerhin: Für 2016 rechnet Klöckner mit einem schmalen Gewinn. Sollte er über 20 Millionen Euro liegen, ist sogar eine Dividende drin. Einer der wichtigsten Gründe: Sparmaßnahmen. Einen künftigen Job-Abbau schloss Rühl gestern nicht aus. Pläne gebe es derzeit zwar nicht. Aber: "Wir müssen davon ausgehen, dass wir durch die Digitalisierung in manchen Bereichen weniger Mitarbeiter brauchen."

Quelle: RP
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