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Düsseldorf
Die Schuld am Contergan-Skandal

Contergan-Studie: Die Schuld am größten Arzneimittel-Skandal Deutschlands
FOTO: dpa, leo mov
Düsseldorf. Eine vom NRW-Kabinett in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der damaligen Landesregierung kaum ein Vorwurf gemacht werden kann. Die Forscher sehen vor allem Hersteller Grünenthal in der Verantwortung. Von Kirsten Bialdiga

Auf jedem Tisch steht eine Flasche mit Strohhalm. Hier ist das kein spaßiges Utensil, hier ist der Trinkhalm existenziell. An den Tischen im Düsseldorfer Kongresszentrum sitzen Contergan-Geschädigte. Menschen mit schweren Fehlbildungen an Armen oder Beinen, deren Mütter in den 1950er und 60er Jahren während der Schwangerschaft das Beruhigungsmittel Contergan einnahmen. Ohne um die fatalen Nebenwirkungen wissen zu können.

Etwa hundert Contergan-Geschädigte sind heute im Düsseldorfer Kongresszentrum zusammengekommen. Sie wollen endlich erfahren, was wirklich geschehen ist vor rund 60 Jahren. Wie es zu diesem größten Arzneimittel-Skandal der deutschen Geschichte kommen konnte. Und wer welche Mitschuld trägt an ihrem lebenslangen Leid - angefangen vom Pharmaunternehmen Grünenthal aus Stolberg bei Aachen, über Ärzte und Behörden - bis zur damaligen Landesregierung.

Vor den Betroffenen liegt eine dicke Studie, die auf all dies Antworten geben soll. Die amtierende rot-grüne Landesregierung hatte sie bei der Universität Münster in Auftrag gegeben, um aufzuarbeiten, "wo eigentlich die Verantwortung des Landes NRW liegt", wie Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) gestern sagte. Das sei eigentlich schon lange überfällig, räumte sie ein.

Doch gleich zu Beginn der Diskussionsrunde machen die Münsteraner Wissenschaftler deutlich, dass die Politik aus ihrer Sicht nicht die Hauptschuld trifft, der Staat habe nur eine Nebenrolle gespielt. Die 1950er Jahre seien geprägt gewesen von Obrigkeitshörigkeit, wirtschaftsliberalem Denken und einem "bisweilen an Naivität grenzenden Zutrauen in neue Arzneimittel", heißt es in der Studie. Die Landesbehörden seien gegenüber Grünenthal "strukturell unterlegen" gewesen. Wenn ein Hersteller ein neues Medikament auf den Markt brachte, hätten sich die Behörden - wie zu jener Zeit üblich - auf dessen Angaben einfach verlassen. Tests über Nebenwirkungen gab es nicht. Zeitweise habe auf diesem Gebiet sogar ein Rechtsvakuum geherrscht.

Die laschen Gesetze machte sich Grünenthal der Studie zufolge zunutze. Im März 1954 stieß der Pharmahersteller rein zufällig auf den Contergan-Wirkstoff und beantragte schon wenig später beim damals zuständigen NRW-Innenministerium die Zulassung. Lediglich zwei Beamten unterstand dort das gesamte Arzneimittelwesen des Landes, sie winkten den Antrag durch.

Am 1. Oktober 1957 kam Contergan als rezeptfreies Medikament auf den Markt. Grünenthal gab laut Studie eine "aggressive Vermarktungsstrategie" vor, propagierte absolute Ungefährlichkeit und eine ausgezeichnete Verträglichkeit. Von Anfang an aber habe es negative Rückmeldungen von Ärzten über Nebenwirkungen gegeben. Die Werbung wirkte: Der Umsatz mit dem Medikament wuchs binnen eines Jahres im Großhandelsgeschäft um 470 Prozent. Im Frühjahr 1960 war Contergan das meistverkaufte Schlafmittel der Bundesrepublik und der wichtigste Umsatzbringer für Grünenthal. Und das, obwohl schon seit 1959 die negativen Meldungen über neurologische Nebenwirkungen wie Taubheitsgefühle an den Gliedmaßen deutlich zunahmen.

Dennoch setzte das Unternehmen den Wissenschaftlern zufolge mit einer "ausgefeilten Verschleierungstaktik" alles daran, die drohende Rezeptpflicht zu umgehen. Die Beamten im NRW-Innenministerium seien gezielt getäuscht, teils sogar mit der Drohung von Schadenersatzforderungen unter Druck gesetzt worden. Ähnlich verfuhr das Unternehmen mit kritischen Ärzten. Aufsätze in medizinischen Fachblättern wurden verhindert. Weil der Einfluss von Grünenthal aber nicht bis ins Ausland reichte, erschien der erste negative Artikel bezeichnenderweise in einer britischen Zeitschrift.

So dauerte es noch Monate, bis das tatsächliche Ausmaß der schrecklichen Nebenwirkungen bekannt wurde. Am Ende war es ein Hamburger Arzt, der dem Ganzen ein Ende setzte. Er lancierte gegen alle Widerstände einen Zeitungsartikel, der dazu führte, dass Grünenthal das Mittel am 27. November 1961 vom Markt nahm. Zu spät für rund 10.000 Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kamen.

Frank Ingendahl ist eines von ihnen. Noch heute kämpft er vor allem damit, seinen Alltag zu bewältigen. Neulich zum Beispiel, da brauchte er einen Stock mit Haken, um sich seine Hose allein hochziehen zu können. Es dauerte fünf Monate, bis er ihn bekam. Weil sich die Krankenkasse und die Stiftung für Contergan-Geschädigte nicht einig wurden, wer dafür zahlen sollte.

Quelle: RP
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