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Bochum
Das Gespenst der Zerschlagung

Bochum. Investoren erhöhen den Druck auf Thyssenkrupp - sie fordern auf der Hauptversammlung, den Verkauf einzelner Sparten zu prüfen, und lehnen wegen der schwachen Bilanz die Ausschüttung einer Dividende ab. Von Kirsten Bialdiga

An dieser Stelle war eigentlich Applaus vorgesehen. "Ich glaube, wir sind auf der richtigen Zielgeraden", ruft ein Redner den Thyssenkrupp-Aktionären auf der Hauptversammlung zu und wartet auf Beifall. Doch es bleibt still im Saal. Kein Aktionär klatscht. Zu groß scheint der Ärger darüber, dass der Aktienkurs binnen zwölf Monaten um ein Drittel eingebrochen ist. Und darüber, dass Thyssenkrupp auch im vergangenen Geschäftsjahr keine Werte geschaffen, sondern wieder welche vernichtet hat.

Dabei sind die Thyssenkrupp-Aktionäre Kummer gewohnt. Es ist erst wenige Jahre her, dass die Essener hohe Milliardenverluste wegen Missmanagements beim Bau von Stahlwerken in Amerika verkraften mussten. Nur knapp schrammte der Traditionskonzern am Ruin vorbei, auch weil ihn Kartelle teuer zu stehen kamen. Seit fünf Jahren versucht Vorstandschef Heinrich Hiesinger, den Ruhrkonzern zu stabilisieren. Immerhin: Verluste schreibt Thyssenkrupp nicht mehr, erstmals seit neun Jahren wurde unter dem Strich auch wieder mehr Cash eingenommen als ausgegeben.

Jetzt, da Thyssenkrupp nicht mehr ums Überleben kämpft, erwarten die Aktionäre klare Aussagen, wie es weitergehen soll. "Thyssenkrupp muss liefern", forderte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Der Konzern sei immer noch ein Koloss auf tönernen Füßen, die Eigenkapitalquote etwa liege nur bei 9,3 Prozent. Speich lehnt eine komplette Zerschlagung zwar ab. Er forderte das Management aber auf, über den Verkauf einzelner Sparten wie U-Boote, Aufzüge oder Autozulieferung nachzudenken, um die übrigen Geschäfte mit dem Verkaufserlös zu stärken. Die Einzelteile seien 70 Prozent mehr wert als derzeit der Gesamtkonzern. Wegen der schwachen Bilanz stimmt Union Investment nun schon zum zweiten Mal in Folge gegen die Ausschüttung einer Dividende, obwohl sie nur bei 0,15 Euro je Aktie liegen soll. Für einen Aktionär ist das ungewöhnlich - andere bezeichneten die Ausschüttung denn auch als "schottische Magermilchdividende." Trotzdem steht Speich mit seiner Kritik nicht allein. Auch Großaktionär Cevian ist angesichts der Finanzlage gegen eine Dividende. Der Investor, der 15 Prozent der Aktien hält und dafür bekannt ist, seine Interessen über kurz oder lang durchzusetzen, dürfte nicht erfreut sein: Die Schweden waren dem Vernehmen nach zu deutlich höheren Aktienkursen eingestiegen.

Schon wächst die Befürchtung, Cevian könne so agieren wie beim Baudienstleister Bilfinger. Der steht kurz vor einer Zerschlagung. In beiden Konzernen sitzt Cevian im Aufsichtsrat. "In Verbindung mit Cevian und Thyssenkrupp geht das Gespenst einer Zerschlagung um", sagte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Cevian sei offenbar von Hiesingers Strategie, den Konzern im Verbund weiterzuentwickeln, nicht überzeugt.

Hiesinger versuchte, die Zweifel zu zerstreuen. "Wir haben kein Ziel, auch nicht ansatzweise, Thyssenkrupp zu zerschlagen", sagte er und betonte, dass die einzelnen Sparten stark voneinander profitierten. Der niedrige Aktienkurs sei die Folge des "besorgniserregend" schwachen Stahlmarkts. Dennoch gebe es zurzeit keine Pläne, sich aktiv vom Stahl zu trennen. Irgendwann könne es aber für Thyssenkrupp sinnvoll sein, sich an einer Konsolidierung des Marktes zu beteiligen, so Hiesinger. Die Aktie gab auch am Tag der Hauptversammlung nach. Die Jahresziele seien nur zu erreichen, wenn sich die Geschäfte rund um den Stahl in der zweiten Geschäftsjahreshälfte deutlich erholten, hieß es. Auf Anlässe zu lautem Applaus werden die Aktionäre wohl noch etwas warten müssen.

Quelle: RP
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