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Düsseldorf
Das Handy wird Verhütungsmittel

Düsseldorf. Die Digitalisierung krempelt die Medizin um, aber das haben viele Pharmahersteller noch nicht begriffen. Digitalexperte Sascha Lobo warnte zur Eröffnung der Messe Medica: "Neue Datenströme sind Chance und Gefahr zugleich." Von Antje Höning und Florian Rinke

Die Digitalisierung erreicht die Medizin - und längst nicht alle haben verstanden, was auf sie zukommt. "Die digitale Sphäre rückt immer näher an den Körper des Menschen, damit wächst die Bedeutung des Digitalen in der Medizin. Das haben vor allem US-Konzerne wie Google erkannt", sagte Digitalexperte Sascha Lobo gestern zur Eröffnung der Düsseldorfer Medizinmesse Medica. Beispiele:

Google hat bereits eine elektronische Kontaktlinse für Diabetiker entwickelt, mit der Blutzucker-Werte berechnet werden sollen. Das macht bisherige Messgeräte überflüssig. "Das ist ein Angriff auf die klassische Medizintechnik", so Lobo. Einige Start-ups arbeiten, finanziert von Digitalkonzernen, an Apps für die Frau zur Empfängnisverhütung. Das Smartphone könnte bei Einbau entsprechender Sensoren regelmäßig die Temperatur messen und so die fruchtbaren Tage ermitteln. "Aus der Pille wird eine App. Das ist eine Herausforderung für die Pharmaindustrie."

Auch bleiben Chancen ungenutzt, wie der Dauerstreit um die elektronische Gesundheitskarte zeigt. "Die elektronische Gesundheitskarte ist der Berliner Flughafen des Gesundheitswesen: Ein sagenhaft schlechter Start - aber irgendwann muss das Konzept dahinter funktionieren", sagt Lobo. Eigentlich sollte sie Gutes bringen, Unverträglichkeiten von Medikamenten und Notfalldaten speichern, die Datensouveränität der Patienten stärken. "Auf der einen Seite wurden die Bedenken nicht ernst genug genommen und auf der anderen Seite die Chancen ausgeblendet."

Auch die Termin-Servicestellen, mit denen die Bundesregierung Patienten helfen wollte, schneller an Fachärzte zu kommen, sind gefloppt. "Der Ansatz bei Termin-Servicestellen ist richtig, aber die Umsetzung ist nicht gelungen", sagt Simon Krüger. "Das System ist nicht zeitgemäß, weil im Endeffekt nur weitere Telefonketten gebildet werden." Krüger ist Deutschland-Chef des Start-ups Doctolib, dass die Vergabe von Arzt-Terminen digitalisieren will: Patienten sollen über die Plattform einfach einen Termin im Kalender des Arztes hinterlegen, was sein Praxisteam wiederum entlastet. So bliebe mehr Zeit, um sich um die Patienten zu kümmern, verspricht Krüger. Heute kämen viele Tätigkeiten zu kurz.

"Technologie kann enorme Vorteile bringen in der Medizin, im Praxisalltag sind aber viele Prozesse noch nicht auf dem Stand anderer Branchen", sagt Krüger. "Keiner ruft heute mehr bei einer Fluggesellschaft an, um ein Ticket zu buchen. Bei den Ärzten ist das noch die Regel." Und jeder Patient wisse, wie schwierig es sei, in den Praxen jemanden zu erreichen.

Doch es gibt auch gute Beispiele. Die Uniklinik Aachen etwa ist Exzellenzzentrum für Tele-Intensivmedizin. Hier gibt es 30 speziell ausgebildete Ärzte, die ihr Wissen 16 kleineren Häusern zur Verfügung stellen. Kommt ein Patient mit einer seltenen Erkrankung in eine der Kliniken oder gibt es nach Operationen Komplikationen, können die Aachener Experten per Videosprechstunde an das Krankenbett geschaltet werden. Sie können mit dem Patient sprechen und mit den Kollegen vor Ort beraten, wie es weiter geht. "Telemedizin kann Expertenwissen zeitnah und überall verfügbar machen", sagt Günter van Aalst, NRW-Chef der Techniker Krankenkasse. "Doch der Weg in die Regelversorgung wird durch zu aufwendige und Bewertungshürden behindert." Nun haben die Aachener Spezialisten für ihr Projekt 24,6 Millionen Euro beim Innovationsfonds des Gesundheitsministers beantragt.

"Wir müssen stärker die Chancen der digitalen Medizin nutzen und zugleich einen Dialog darüber führen, wo die roten Linien sind, die nicht überschritten werden dürfen", sagt Lobo. Die digitale Medizin erzeuge eine Unmenge von Datenströmen, die man hervorragend gebrauchen - aber auch missbrauchen könne. Zum Beispiel lasse sich aus der Art, wie, wann und was Menschen bei Facebook und Twitter posten, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schließen, ob sie Drogen nehmen oder alkoholkrank sind. "Neue Datenströme sind für die Gesellschaft Chance und Gefahr zugleich."

Quelle: RP
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