| 07.21 Uhr

Cupertino
Das iPhone-Paradoxon

Cupertino. Im Weihnachtsgeschäft konnte Apple dank des iPhones einen Rekordgewinn einfahren, trotzdem fällt der Aktienkurs - wegen des iPhones. Das Unternehmen muss nun den nächsten Schritt gehen. Doch Google könnte schneller sein. Von Florian Rinke

Um das Problem von Apple zu verstehen, muss man sich die Liste der bislang erfolgreichsten Filme aller Zeiten anschauen: Jurassic Park setzte mit seiner Tricktechnik 1993 Maßstäbe. Wohl kaum jemand würde das von Jurassic World behaupten, dem vierten Teil der Serie. Ein guter Film, das ja, aber bahnbrechend? Kommerziell war der Film jedoch viel erfolgreicher als sein Vorgänger. Doch der Zauber, zum ersten Mal etwas Derartiges auf Leinwand zu sehen, war zum Filmstart 2015 längst verschwunden.

Das ist auch das Problem von Apple. Als Steve Jobs 2007 das iPhone vorstellte, staunte die Welt. Das Gerät war revolutionär. Seitdem produziert das Unternehmen wie ein Filmstudio eine Fortsetzung nach der anderen. Warum auch nicht? Schon ein bisschen neue Tricktechnik reicht, um das Einspielergebnis immer wieder in neue Höhen zu treiben. Doch der Zauber kommt damit nicht zurück. Es braucht schon etwas Neues.

An diesem Punkt befindet sich momentan Apple, eigentlich sogar die ganze Branche. Denn die Zahl der Menschen, die noch kein Smartphone haben, sinkt. Und viele Kunden fragen sich zurecht: Warum sollte ich mir ein iPhone kaufen, wenn andere Geräte günstiger und technisch genauso gut sind?

Seit Monaten unken Analysten, dass Apple den Gipfel seines Erfolgs beim iPhone - dem wichtigsten Produkt - erreicht haben könnte. Sie dürften recht behalten. Im Weihnachtsgeschäft fuhr Apple mit einem Absatz von 76,8 Millionen Geräten zwar einen Rekord ein, genau wie mit dem Gewinn von 18,4 Milliarden Dollar. Trotzdem sank der Börsenkurs gestern.

Das Problem ist: Dem Unternehmen fehlt ein neuer Blockbuster. Eine wasserdichte iPhone-Variante und kabellose Kopfhörer, die angeblich in Planung sind, klingen einfach zu sehr nach Fortsetzung als nach Quantensprung. Im aktuell laufenden Quartal wird es daher erstmals seit 13 Jahren einen Umsatzrückgang geben. Beinahe krampfhaft ist das Unternehmen auf der Suche nach einer neuen Geschichte, die es den Millionen Fans in aller Welt erzählen kann.

Die Apple Watch, so viel ist klar, ist es noch weniger als das iPad - solide Produktionen, deren Verkaufszahlen jedoch entweder nicht kommuniziert werden (Apple Watch) oder zuletzt heftig einbrachen (iPad). Blockbuster sind beide nicht. Also sucht Apple weiter, denkt über ein Auto nach oder zeigt eine Erweiterung von Apple TV.

Eine bahnbrechende Weiterentwicklung des Smartphones gibt es derzeit weder bei Apple noch bei der Konkurrenz - noch nicht. Denn zuletzt tauchten immer wieder kleine Meldungen auf, die die nächsten Quantensprünge in der Kommunikation und Unterhaltung andeuten.

Diente das Handy bislang als Gerät, um in erster Linie mit anderen Menschen zu kommunizieren, wird es schon bald ein Gerät sein, das mit dem Nutzer selbst kommuniziert. Schon jetzt kann etwa der Sprachassistent Siri auf dem iPhone einfache Fragen beantworten. Bald könnte er schon vorab antizipieren, was der Nutzer will - und ihm entsprechende Lösungen präsentieren.

Apple, Google und Facebook investieren massiv in die Forschung nach künstlicher Intelligenz. Apple übernahm zuletzt etwa ein Start-up, dessen Anwendung Emotionen erkennt. So könnte das Handy künftig noch genauer die Fotos durchsuchen - oder im Gesicht des Nutzers erkennen, ob dieser müde ist, und ihn davor warnen, trotzdem mit dem Auto zu fahren.

Künstliche Intelligenz ist ein riesiges Thema in der Branche. Doch ausgerechnet auf diesem Feld ist Apple dem Konkurrenten Google deutlich unterlegen. Dessen Software kann schon jetzt sehr viel intelligenter Bilder durchsuchen, bessere Vorschläge machen. Weil der Suchmaschinen-Betreiber Zugriff auf viel mehr Daten hat, kann es seine Algorithmen besser trainieren. Apple warb daher zuletzt per Stellenanzeige um zahlreiche neue Mitarbeiter in diesem Bereich. Genug Geld für Forschung hat Apple allemal - auch dank des iPhones. Das Unternehmen sitzt auf einem Geldpolster von 216 Milliarden Dollar. Apple weiß: Ein persönlicher Assistent, der die Bedürfnisse seines Nutzers perfekt erkennt und befriedigt -das wäre ein Quantensprung. Das wäre ein Blockbuster, der für den Zauber sorgen würde.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Cupertino: Das iPhone-Paradoxon


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.