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ThyssenKrupp-Patriarch wurde 99 Jahre alt
Das Jahrhundertleben des Berthold Beitz

Essen. Berthold Beitz hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben: Mehrmals rettete er den Stahlkonzern Krupp vor dem Untergang. Doch Beitz war mehr als ein großer Industrieller: Mit der Rettung von 150 Juden in der Nazi-Zeit bewies er seine große menschliche Stärke. Von Martin Kessler

Es gibt drei Personen, die Deutschlands Wirtschaft der Nachkriegszeit entscheidend geprägt haben – Friedrich Flick, Hermann Josef Abs und Berthold Beitz. Mit dem früheren Krupp-Bevollmächtigten Beitz ist der letzte der großen drei gestorben. Alle drei verkörperten den Übergang einer autoritär-geprägten Industriegesellschaft über den Umweg Nationalsozialismus in die demokratische Bundesrepublik. Das Wirtschaftstrio hat das Land sehr unterschiedlich beeinflusst. Flick war der Unbelehrbare, der sich bis zuletzt geweigert hatte, Entschädigungen an NS-Zwangsarbeiter zu zahlen. Abs war der Flexible, der seinen wirtschaftlichen Aufstieg in Nazi-Deutschland nahm, und nach dem Krieg die Deutsche Bank zum wirtschaftlichen Rückgrat der jungen Republik aufbaute.

Beitz machte erst in der Nachkriegsgesellschaft die große Karriere. Seine menschlich anrührendste Großtat vollbrachte er jedoch in der Nazi-Zeit. Damals bewahrte er als junger Direktor der Karpaten-Ölgesellschaft im galizischen Boryslaw rund 150 Juden vor dem sicheren Tod. Der 30-jährige Beitz zeigte hier seinen Mut, seine Raffinesse sowie seine ganze Entschlossenheit. Dass er danach den ehedem größten deutschen Konzern Krupp führte, der auch noch massiv in die Rüstungswirtschaft der Nazis verstrickt war, steht bezogen auf diese Lebensleistung fast zurück.

Rettung der Juden

Die mutige Rettung der Juden – unter Einsatz des eigenen Lebens – bleibt seine gewaltigste Lebensleistung, die obendrein unbekannt geblieben wäre, wenn es nach Beitz gegangen wäre. "Ich bin kein Held, ich war nur einfach ein Mensch", hat er mal gesagt, als er auf die Juden-Rettung angesprochen wurde. Über die Ehrung "Gerechter unter den Völkern" hat sich Beitz mehr gefreut als über viele Ehrendoktorhüte. Die Reise nach Israel zählte zu den bewegendsten in seinem leben. Als einer der wenigen Deutschen wird er in Yad Vashem in der "Allee der Gerechten" geehrt.

Wirkmächtig wurde diese gewaltige Persönlichkeit gleichwohl erst im Nachkriegs-Deutschland. Er schaffte nichts geringeres, als den neben Daimler, VW und Siemens bekanntesten deutschen Industriekonzern durch alle Stürme der Stahl-, Globalisierungs-, Internet- und Finanzkrise zu bugsieren. Dass es den Stahl-Konzern überhaupt noch als unabhängige Größe gibt, ist in großem Maße das Verdienst von Beitz.

Eher zufällig trat der aus Zemmin in Pommern gebürtige Mann in das Ruhrgebiets-Unternehmen ein. Nach dem Krieg hatte es zunächst so ausgesehen, dass der gelernte Bankkaufmann Karriere in der Versicherungsbranche machen würde. Als junger Generaldirektor der Hamburger Iduna Germania gelang ihm das Kunststück, das Unternehmen binnen vier Jahren von Platz 16 auf Platz drei der Versicherungs-Branche zu hieven. Er wäre wohl bald zum Branchenkönig aufgestiegen, wenn nicht Krupp-Erbe Alfried Krupp von Bohlen und Halbach ihn zum damals umstrittensten Konzern Deutschlands geholt hätte.

Neuer Stil im Unternehmen

"Krupp ist mein Lebenswerk", bekannte Beitz als 94-Jähriger, der bis zu seinem Tod fast jeden Tag regelmäßig seinen Arbeitsplatz in der Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung aufsuchte. Der schlanke und elegante Mann brachte einen neuen Stil in das schwergewichtige Unternehmen. Die Zeit der Ruhrbarone nahm ihr Ende, der Typus des modernen Managers, offen für das internationale Parkett, hielt Einzug im Revier.

Und er zeigte Eigenschaften, die ihn schon in der Opposition gegen die Nazi-Zeit auszeichneten: Mut, Entschlossenheit, Zähigkeit, messerscharfe Intelligenz. An Beitz bissen sich alle die Zähne aus. Als Generalbevollmächtigter von Krupp wurde er 1953 der mächtigste Mann des Unternehmens. Und das mit 40 Jahren. Er verdiente das für die damalige Zeit sagenhafte Gehalt von über einer Million Mark im Jahr. Doch er war sein Geld wert.

Zuerst baute er den durch alliierte Verfügungen geschrumpften Rumpfkonzern zu einem Industriekonglomerat aus. Wie ein Besessener kaufte er Werften und Maschinenbau-Unternehmen auf. Und er führte den von den Alliierten entflochtenen Konzern zu neuer Größe. Doch der Parforce-Ritt schuf auch Risiken. In der Stahlkrise der 1960er Jahre war Krupp am Ende. Die Kasse war leer, der Absatz stockte, die Banken zögerten, ihre Kreditlinien zu verlängern. Beitz versuchte angesichts der drohenden Pleite das Äußerste. Er forderte Bürgschaften des Staat und bekam 450 Millionen Mark – übrigens gegen den Willen des allmächtigen Deutsche-Bank-Chefs Hermann Josef Abs. Doch Beitz gewann den Machtkampf. Der Rheinländer Abs bezeichnete ihn anerkennend als "Liebling der Götter". Dass Beitz dann die Staatsgarantien gar nicht in Anspruch nahm, gehört auch zum Bild des Mannes, der ungern bereit war, volles Risiko einzugehen.

Charme und Eleganz

Der hanseatisch geprägte Beitz war trotz allen Charmes und aller Eleganz ein gefürchteter Chef. Effizient, kühl und langen Reden abhold konnte er Rivalen wie offenkundige Fehlbesetzungen rasch von ihren Posten entfernen. Von 1972 bis 1980 wechselte er vier Mal den Krupp-Chef aus. Als es einmal hieß, Beitz hätte einem Manager fünf Minuten Zeit gegeben, seinen Schreibtisch zu räumen, dementierte er: "Es waren 30 Minuten."

Für Beitz wurden die Zeiten bei Krupp nach der Rettung des Konzerns nicht ruhiger. Sein Gönner Alfried Krupp verstarb 1967, auch an einem 30. Juli. Dessen Sohn Arnd hatte Beitz ein Jahr zuvor zum Erbverzicht überredet. Der Mann aus dem Norden wurde Krupps Testamentsvollstrecker. Als Vorsitzender der Krupp-Stiftung steuerte er das industrielle Erbe nicht unangefochten durch die Jahrzehnte, nicht zuletzt durch die Auswahl eines Managers, der wie Beitz nicht aus dem Ruhrgebiet kam: Gerhard Cromme.

Als zweites Ich von Beitz schloss Cromme spektakulär marode Stahlwerke wie das von Rheinhausen – gegen den erbitterten Widerstand von Belegschaft, Gewerkschaften, Kirchen und Politik. Auch die feindliche Übernahme von Hoesch durch Krupp fand die Zustimmung von Beitz. Und der spektakuläre Angriff – übrigens mit Hilfe der Deutschen Bank – auf das noch größere Thyssen wäre ohne Ja aus der Villa Hügel undenkbar gewesen. Als die Attacke zerschellte, bewerkstelligte Beitz mit seinem einstigen Rivalen Vogelsang im Düsseldorfer Edel-Restaurant "Victorian" die Fusion. Die Manager von Thyssen und Krupp hatten sich zuvor auf die notwendige Fusion nicht einigen können.

Listige Konstruktion von Beitz

Seit zehn Jahren sucht nun der neue Konzern ThyssenKrupp seine Position auf dem Weltmarkt. Nur dank der Fusion überlebte das Konglomerat. Und es war eine listige Konstruktion von Beitz, die den Konzern vor Übernahmen bewahrte. Die Stiftung hält 25,14 Prozent der Aktien und verfügt über ein Entsenderecht für drei Aufsichtsräte, so dass einschließlich der Arbeitnehmerseite eine Dreiviertel-Mehrheit im Aufsichtsrat stets gesichert ist.

Beitz war ein moderner Manager, zugleich aber ein durch und durch politischer Mensch. Als erster knüpfte er in den 50er Jahren Kontakte in den kommunistischen Osten. Er kannte persönlich die großen Führer wie die Polen Rapacki und Gomulka, die Russen Chruschtschow und Mikojan, den DDR-Staatsratsvorsitzenden Honecker. Lange vor Willy Brandt versuchte er den Brückenschlag in den verfeindeten Osten – sehr zum Missfallen von Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ihm prompt sein Vertrauen entzog.

Doch der junge Manager ließ sich nicht beirren. Er knüpfte ein dichtes Netz von Beziehungen, trotzdem machte sich Beitz mit den kommunistischen Unrechtsstaaten nicht gemein. Er blieb bei aller Partnerschaft auf Distanz. Die Menschenrechtssituation in den sozialistischen Ländern war ihm wohl bewusst.

Wie vielfältig die Aktivitäten von Beitz waren, zeigt auch sein Engagement im Internationalen wie Nationalen Olympischen Komitee. Sogar IOC-Vize wurde der Wirtschaftsmann im Jahr 1984. Zwölf Jahre zuvor hatte der passionierte Segler die maritimen Wettbewerbe Olympias nach Kiel geholt, als München Austragungsort war.

Die Stürme des Lebens

Beitz war trotz seines langen Lebens nie Pensionär. Er wachte als Testamentsvollstrecker und Vorsitzender des Kuratoriums der Krupp-Stiftung über sein Lebenswerk. Das kostete viel Zeit, aber nicht die gesamte. Seine Familie war ihm stets genauso wichtig wie sein Beruf, in dem er sich dank seiner blitzartigen Auffassungsgabe und seines brillanten Organisationsgeschicks nie verzettelte. Wie das Ehepaar Loki und Helmut Schmidt ging das Ehepaar Else und Berthold Beitz gemeinsam durch die Stürme des Lebens. Der Mann aus Pommern hatte seine Frau in Hamburg kennengelernt. Sie kam aus einfachen Verhältnissen. Ihre Familie war aber politisch aktiv, bei der SPD. Das prägte auch Beitz, der aus kleinbürgerlichen deutschnationalen Verhältnissen stammte. Sein Vater war Reichsbank-Obersekretär und Wachtmeister im Pommerschen Ulanenregiment.

Die Person Beitz ist ohne seine Frau nicht denkbar. Aus dieser Beziehung gingen drei Töchter, sieben Enkel und sechs Urenkel hervor. Else war stets an der Seite des Großindustriellen – im Privaten wie im Öffentlichen. Ihr zollten die Bewunderer von Beitz beinahe den gleichen Respekt wie dem wirtschaftsgewaltigen. Ohne sie hätte er seine Rettungsaktion im Dritten Reich nicht durchgehalten. Sie war bereit, Juden zu verstecken und damit die gleichen Lebensrisiken einzugehen wie ihr Mann. Das prägte das Paar über die vielen Jahrzehnte eines gemeinsamen langen Lebens.

Berthold Beitz hat deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Mit ihm starb der letzte aktive Zeitzeuge des Wirtschaftswunders. "Die Wundertäter" nannte Nina Grunenberg ihr Buch über die erste Generation von Aufbau-Managern. Beitz ragte aus ihr heraus und war zugleich einer der wenigen, die nicht durch die Nazis korrumpiert waren.

Spektakuläre Neubauten

Auch in der Region hat Beitz Geschichte geschrieben. Als Vorsitzender der Krupp-Stiftung gab er mehr als eine halbe Milliarde für wirtschaftliche, kulturelle und soziale Zwecke aus. Essen verdankt ihm eines der besten Krankenhäuser Deutschlands und mit dem neuen Folkwang-Museum einen der spektakulärsten Neubauten bundesweit. Für die Kulturhauptstadt 2010 hat er sich maßgeblich eingesetzt.

Sein Vermächtnis an die Vaterstadt des Unternehmens war aber die Verlagerung des ThyssenKrupp-Konzernsitzes von Düsseldorf nach Essen. Damit verschob er den wichtigsten Schreibtisch des Ruhrgebiets vom Drei-Scheiben-Haus in der Landeshauptstadt wieder ins Revier. Er krönte sein Lebenswerk und machte Essen zu einem neuen wirtschaftlichen Zentrum. Dass sein Konzern erneut in einer schweren Krise steckt, gegen die der Patriarch nichts mehr tun könnte, dürfte am Ende sein größter Kummer gewesen sein.

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Quelle: RP
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