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Düsseldorf
Das sagen Chefs zum möglichen Brexit

Düsseldorf. Eine Mehrheit der Briten würde laut einer aktuellen Umfrage für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen. Während Konzernlenker vor den Folgen für die Wirtschaft warnen, zeigt sich der Mittelstand extrem gelassen. Von Antje Höning, Maximilian Plück und Georg Winters

Es sind nur noch drei Monate, bis die Briten über den Ausstieg ihres Landes aus der Europäischen Union (EU) abstimmen werden. Und der Brexit rückt immer mehr in den Bereich des Möglichen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts ICM würden 43 Prozent der Inselbewohner für den Austritt votieren, nur 41 Prozent sprechen sich für den Verbleib in der EU aus. "Die öffentliche Meinung bewegt sich nicht in Premierminister Camerons Richtung. Der Zwei-Prozent-Vorsprung der EU-Befürworter aus der vergangenen Woche hat sich in einen Vorsprung für die Ausstiegsbefürworter gedreht", teilte ICM mit. In Deutschland blickt die Wirtschaft besorgt über den Kanal.

Carola von Schmettow, Vorstandssprecherin des Bankhauses HSBC Trinkaus & Burkhardt, warnte jüngst bei der Vorstellung der Bilanz: "Die wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts würden Großbritannien und Europa gleichermaßen beschädigen." Unternehmen müssten ihre Geschäftsmodelle überprüfen und sich anders aufstellen, das Verhältnis zu Großbritannien müsste neu verhandelt und definiert werden, sagte die Bankchefin. "Das bräuchte Zeit, viel Zeit,die wir im globalen Wettbewerb nicht haben."

Marijn Dekkers, Chef des PharmakonzernsBayer, glaubt, dass ein Brexit vor allem für die Briten ein Problem wäre, weil sie damit den Zugang zu 500 Millionen Europäern verlören. "Ein Brexit würde die Europäische Union schwächer machen. Und das ist das letzte, was Europa gerade braucht", sagte Dekkers.

Patrick Thomas, Chef des Chemiekonzerns Covestro und selbst Brite, meint: "Der Brexit wäre eine große Dummheit. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die britische Finanzbranche und die verarbeitende Industrie überleben sollten." Die meisten Briten hätten noch keine Vorstellung davon, was ein EU-Austritt für das Land und die Wirtschaft wirklich bedeuten würde.

Tom Enders, Chef des europäischen Flugzeug- und Rüstungskonzerns Airbus Group, warnt ebenfalls vor einem Ausstieg Großbritanniens. "Ein Brexit würde unsere Wettbewerbsfähigkeit in Großbritannien nicht steigern", sagte er bei der Vorlage der Konzernbilanz. "Bei einer solchen Entscheidung könnte niemand die Konsequenzen absehen." Airbus habe keine Vorstellungen, welche Folgen ein mögliches EU-Ausscheiden des Vereinigten Königreichs haben könnte: "Geschäftsleute gehen nicht gern ins Dunkle und Unbekannte." Der britische Chef der Airbus-Gruppe, Paul Kahn, assistierte: "Der Erfolg der Airbus Group in Großbritannien basiert auf Integration und Teamwork auf europäischer Ebene."

Ben Hodges, Kommandeur der US-Armee in Europa, geht mit seiner Einschätzung noch einen Schritt weiter: "Sollte Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheiden, könnte das zu einer Auflösung der EU führen und in der Folge auch das Verteidigungsbündnis Nato schwächen. Was hier passiert, ist für uns von strategischem Interesse."

Torsten Müller-Ötvös, Chef der britischen BMW-Töchter Rolls-Royce und Mini, schrieb in einem Brief an seine Mitarbeiter jüngst, der Freihandel mit den EU-Ländern stehe bei einem Austritt infrage. "Zollschranken würden höhere Kosten und höhere Preise bedeuten", warnte Automanager Müller-Ötvös.

Auch die Wirtschaftsweisen thematisieren in ihrer gestern vorgestellten Konjunktureinschätzung den Austritt. Der Chef des Gremiums, der Essener Ökonom Christoph Schmidt, warnte, ein Brexit könne schwerwiegende Folgen für die britische Wirtschaft und für die verbleibende EU haben. "Wir gehen nicht davon aus, dass es dazu kommt", sagte Schmidt.

Das unterscheidet den Wissenschaftler von den Praktikern. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC halten knapp 60 Prozent der deutschen Mittelständler den Austritt für wahrscheinlich. Anders als die Großkonzernlenker sind die Mittelständler deutlich gelassener, was die Folgen angeht: Für die Hälfte der Befragten hätte der Brexit keine direkten Auswirkungen. Etwa 30 Prozent rechnen sogar mit positiven Konsequenzen für ihr Geschäft. Sie erwarten sich vor allem mehr Aufträge und Umsatzsteigerungen sowie eine bessere wirtschaftliche Perspektive für ihr Unternehmen. Etwa jeder fünfte Befragte sieht dagegen negative Auswirkungen. Am meisten werde befürchtet, dass sich ein Brexit durch höhere Zölle negativ auf die Exportkosten auswirke, schreiben die Autoren.

Die Rating-Agentur Moody's warnte zudem, der Austritt würde zu anhaltender Unsicherheit führen und wäre deshalb negativ für die Kreditwürdigkeit britischer Autobauer, des verarbeitenden Gewerbes, der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie sowie des Dienstleistungssektors. Viele Unternehmen dürften ihre Investitionen reduzieren, bis die Auswirkungen auf Handel, Regulierung und Arbeitskosten klar wären. Allerdings könnte es zwei Jahre oder mehr dauern, bis Großbritannien formell vom EU-Vertrag zurücktreten und die Gemeinschaft verlassen würde. Moody's rechnet damit, dass es während dieser Zeit zu Verhandlungen über alternative Vereinbarungen kommen würde. Dieser Übergangszeitraum könnte es den Firmen erlauben, sich an ein verändertes Umfeld anzupassen.

PwC kommt zu dem Schluss, dass die Brexit-Kosten bis 2020 insgesamt 100 Milliarden Pfund (128 Milliarden Euro) betragen könnten und 950.000 Jobs verloren gingen. Die Einsparungen würden von den negativen Folgen für Handel und Investitionen zunichtegemacht, erklärte Carolyn Fairbairn, Geschäftsführerin des britischen Industrieverbands. Dies lasse sich nicht vermeiden, selbst wenn die Briten neue Handelsabkommen vereinbaren. "Selbst im besten Falle käme es zu einem gravierenden Schock für die britische Wirtschaft", so Fairbairn.

Quelle: RP
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