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Essen
Das schmutzige Geschäft mit der Kohle

Essen. Stadtwerke und Politik sind beunruhigt. Die Gewinne der Steag brechen ein. Nun droht der Konzern sich mit einer möglichen Übernahme der ostdeutschen Braunkohle zu verheben - es sei denn, dies bringt Staatshilfe. Von Antje Höning

Braunkohle gilt als schmutziger Energieträger, weil bei ihrer Verfeuerung viel Kohlendioxid anfällt. Doch auch politisch ist sie ein schmutziges Geschäft, wie sich derzeit in Essen studieren lässt.

Die Steag, der fünftgrößte deutsche Stromkonzern, prüft seit längerem eine mögliche Übernahme der ostdeutschen Braunkohle, die der schwedische Vattenfall-Konzern verkaufen will. Nun soll Steag laut Beteiligten ihr Interesse bekundet haben. Doch woher soll das Geld für den Kauf kommen? Laut Branchenkreisen will Vattenfall zwei bis drei Milliarden Euro haben. Nun suche man nach Finanzkonstruktionen, wie es weiter heißt. So könnte die Bank Macquarie an Bord genommen werden, die den Deal finanzieren und dafür in den nächsten Jahren die Gewinne der ostdeutschen Braunkohle erhalten könnte.

Treiber der Idee sollen Steag-Chef Joachim Rumstadt und die Aufsichtsrats-Chefs Guntram Pehlke (Stadtwerke Dortmund) und Michael Vassiliadis (Gewerkschaft IG BCE) sein. Am Dienstag stellte man den kommunalen Eigentümern die Pläne zu Vattenfall vor, die Steag ist im Besitz von sieben Stadtwerken aus Not leidenden Revier-Städten.

Die reagierten teilweise entsetzt auf die Pläne, in den vergangenen Tagen gab es hektische Beratungen zwischen Eigentümern. Der Chefaufseher der Stadtwerke Essen, Franz-Josef Britz, sagte der "WAZ": "Das wäre nicht die Entwicklung zu einem modernen Unternehmen, das auf neue Energieerzeugungsformen setzt." Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link ließ erklären: "Im Aufsichtsgremium wurde noch nicht abschließend beraten." Auch Dinslaken und Oberhausen haben Bedenken, heißt es weiter, nur Dortmund und Bochum wollten den Deal.

Und Vassiliadis: Er hofft, durch einen Verkauf an die Steag zu verhindern, dass die 8000 ostdeutschen Arbeitsplätze in die Hände eines rabiaten Investors fallen. So bieten tschechische Investoren für Vattenfalls Braunkohle. Greenpeace hatte ebenfalls Interesse, doch Vattenfall lehnte die Offerte ab.

Zugleich hofft der Gewerkschafts-Chef, mit dem Deal der Steag und ihren 6500 Mitarbeitern eine gute Perspektive zu geben. Ein Konzern mit fast 15.000 Beschäftigten in Ost und West würde der Staat schließlich nicht fallen lassen können, wenn es eng wird, da gebe es im Notfall Hilfe, sei Vassiliadis' Kalkül. Steag, Stadtwerke und Gewerkschaft wollten sich gestern nicht zu den möglichen Vattenfall-Plänen äußern.

Bärbel Höhn, Bundestagsabgeordnete der Grünen, kritisierte dagegen: Die hinter der Steag stehenden Städte sollten sich nicht noch mehr Altlasten ans Bein binden, sondern stärker auf Zukunftsinvestitionen im Bereich der Erneuerbaren setzen. "Schon die Steag ist ein wackeliges Konstrukt mit vielen Risiken. Jetzt will man ein Auslaufmodell mit der Braunkohle dazukaufen. Ich befürchte, dass die Bürger im Ruhrgebiet in zehn Jahren die Zeche für diese unvernünftige Einkaufs-Tour zahlen müssen, sollte die Steag den Zuschlag bekommen."

Klar ist, dass die Steag wie die ganze Branche weiter unter Druck gerät. So hat das Essener Unternehmen seine Eigentümer auf einen Einbruch von Gewinn und Dividende vorbereitet: Der Gewinn dürfte, so Rumstadt in Interviews, ab 2016 durchschnittlich 40 Prozent niedriger ausfallen. Die Ausschüttung der Steag an das Stadtwerke-Konsortium (KSBG) für 2015 wird zwar noch bei 80 Millionen Euro liegen. "Für 2016 wird die Ausschüttung der Steag vermutlich deutlich niedriger ausfallen", erklärte der Sprecher der Stadtwerke Dortmund. Und von der Ausschüttung muss auch noch der Schuldendienst geleistet werden, nur der Rest geht als Dividende an die Stadtwerke. Der Schuldendienst liegt laut KSBG im "mittleren zweistelligen Millionen-Bereich". Die Stadtwerke haben die Steag einst für 1,2 Milliarden Euro gekauft und das zum Teil auf Pump.

Sorgen, dass Kreditlinien der KSBG in Gefahr geraten könnten, wies der KSBG-Sprecher zurück: "Eine solche Aussage können wir nicht nachvollziehen." Er verwies auf die zu erwartende Dividende. Auch die Stadtwerke Dortmund rechnen damit, dass die KSBG künftig weiter Dividende zahlt, wenngleich diese geringer ausfallen wird.

In der Landesregierung, die sich öffentlich nicht äußern will, ist man dennoch wachsam. Keiner hat Interesse an Rettungsgeschäften.

Quelle: RP
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