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Kolumne Kurt Von Storch
Das Sparbuch wird niemandem helfen

Der Zins bleibt dauerhaft niedrig. Viele wollen das noch nicht wahrhaben. Sachwerte und Gold könnten eine Alternative sein.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Zins in der Eurozone nahe der Nulllinie zementiert. Wer bis zuletzt darauf gehofft hatte, sein Erspartes würde schon bald wieder ansehnliche Renditen abwerfen, sollte spätestens jetzt, nach dem jüngsten Treffen der Euro-Notenbanker, eines Besseren belehrt sein. Der Zins bleibt niedrig - und das für sehr lange Zeit.

Ich weiß, die Deutschen hängen an ihren Sparanlagen - am Bausparvertrag, der kapitalbildenden Lebensversicherung, dem Sparbuch oder Festgeldkonto. Diese Freundschaft ist historisch gewachsen; sie ist innig und nur sehr schwer zu erschüttern. Mehr als 5000 Milliarden Euro beträgt aktuell das Geldvermögen der Deutschen, mehr als die Hälfte davon steckt in besagten Produkten. Das sagt sehr viel über das Anlageverhalten der Bundesbürger aus.

Aktien dagegen gelten seit jeher als Zockerpapiere, der Aktionär ist als Spekulant verschrien.Die Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre, etwa die deutlichen Verluste mit den sogenannten Volksaktien der Deutschen Telekom zur Jahrtausendwende oder zuletzt mit Volkswagen, haben Sparer in ihrer Skepsis bestärkt. Dass eine Aktie nichts anderes ist als eine Beteiligung am Produktivvermögen und die Teilhabe an einem Unternehmen eine zutiefst demokratische Angelegenheit, ist vielen nicht bewusst. Leider.

Es gibt Menschen, die daraus schlussfolgern, die Sparer hierzulande seien in Bezug auf Geldanlagethemen nicht sonderlich gebildet. Ich halte das für ein sehr hartes, zudem pauschales Urteil. Die Deutschen sind vielmehr Gewohnheitstiere. Mit ihren Zinsanlagen haben sie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr attraktive Renditen erzielt - oder anders ausgedrückt: Die Notwendigkeit, sich mit Aktien zu beschäftigen, war bislang gar nicht so groß. Warum Kursschwankungen aushalten, wenn sich mit risikolosen Staatsanleihen vier oder gar fünf Prozent Rendite erzielen ließen?

Heute sieht die Situation anders aus. Mit etwas Glück liegt die Rendite besagter Anleihen bei null. Das Tückische, ja Gefährliche ist, dass viele Menschen nach wie vor glauben, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen. Noch ein oder zwei Jahre zusammenreißen - und dann wird es schon wieder nach oben gehen mit den Zinsen in Europa. Glauben Sie das auch?

Ich nicht. Der Niedrigzins ist das Ergebnis zweier fundamentaler Trends, die einander bedingen: Auf der einen Seite die weiter wachsenden Schulden in den Industriestaaten. In Europa, den USA und Japan. Um die Verbindlichkeiten langfristig bedienen zu können, muss der Zins zwangsläufig niedrig bleiben. Andernfalls würden die Staaten irgendwann unter der Last ihren Schulden zusammenbrechen.

Auf der anderen Seite wächst die Weltwirtschaft nur noch mäßig. 'New Normal' hat das Bill Gross, der bekannte US-Investor, einmal sehr treffend genannt. Das hängt mit der Bevölkerungsalterung in vielen Industrieländern zusammen, aber eben auch mit den angehäuften Schulden. Denn wer einen Großteil der Einnahmen für Zins und Tilgung seiner Kredite ausgeben muss, dem fehlt das Geld an anderen Stellen, für Investitionen in Forschungsprojekte etwa. Ein höherer Zins würde das zarte Wirtschaftswachstum relativ bald abwürgen. In diesem Umfeld können sich die Notenbanker eine strengere Geldpolitik schlicht nicht leisten.

Die EZB wird sich in den kommenden Jahren vermutlich noch viele abenteuerliche Maßnahmen einfallen lassen wird, um die Schulden in der Eurozone langfristig tragbar zu machen und Wachstum sowie Inflation anzuschieben. Ob die Maßnahmen helfen werden? Ich bin mir da nicht so sicher. Das Sparbuch wird Anlegern in diesem Umfeld nicht helfen. Sachwerte wie erstklassige Aktien oder Gold eher.

DER AUTOR IST GRÜNDER UND VORSTAND DER FLOSSBACH VON STORCH AG.

Quelle: RP
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