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Düsseldorf
Der Datenseher von Henkel

Düsseldorf. Zwei Jahre war Daniel Jäger ohne Stelle - jetzt ist der 25-Jährige einer der profiliertesten IT-Experten bei Henkel. Der Düsseldorfer Konzern setzt wie eine Reihe anderer Unternehmen auf Autisten als Analytiker von Daten. Von Reinhard Kowalewsky

Sollen wir uns die Hand schütteln? Daniel Jäger zuckt vor mir einige Zentimeter zurück, als ich ihn zum Gespräch bei Henkel besuche. Ich lasse es lieber bleiben und beschränke mich auf "Guten Tag, schön Sie kennenzulernen" als mündlichen Gruß. Und als Dank lächelt Jäger völlig unerwartet zurück. "Die emotionale Ebene ist für mich schon etwas schwierig", sagt der 25-Jährige etwas stockend, "aber mit Logik und Erfahrung kann ich da viel ausgleichen."

Willkommen bei den Datensehern von Henkel. Seit einem Jahr beschäftigt der Düsseldorfer Konzern Asperger-Autisten als Berater für Datenanalyse in seinen Computer- und Marktforschungsabteilungen. Sie können mit anderen Menschen sprechen, nehmen nichtsprachliche Aussagen aber deutlich weniger wahr als andere Menschen. "Diese Kollegen können ungeheuer schnell gigantische Informationsmengen durchdringen", berichtet Irmgard Arends-Koch, die aktuell drei autistische Berater in ihrem Team in der IT-Abteilung von Henkel integriert hat.

"Sie sind zwar beim sozialen Kontakt meist sehr zurückhaltend", sagt Thomas Koenen, Düsseldorfer Niederlassungsleiter des IT-Consulting-Unternehmens Auticon, bei der Jäger und die anderen Berater angestellt sind. "Aber als Teil eines Teams erhöhen sie die Produktivität enorm." Auch Joachim Jäckle, Leiter der Datenverarbeitung von Henkel, ist zufrieden: Nachdem ein von Auticon entsandter Berater Dutzende bis dahin nicht erkannte Schwächen in Tabellen gefunden hatte, ließ er das Projekt auf drei ausgeliehene Consultants ausdehnen.

Dabei profitieren Unternehmen und Mitarbeiter gegenseitig. So lesen Auticon-Berater für Henkel Hunderte Verträge durch, um unerkannte Abweichungen zu finden. Dank ihres exzellenten Gedächtnisses können sie das besser als Kollegen, die von Asperger-Mitarbeitern leicht ironisch "Normalos" genannt werden. Sie selbst nennen sich auch schon mal "Aspis".

"Mir ist nicht langweilig, weil ich gefordert werde", erzählt Jäger, den Experten schon vor vielen Jahren als hochbegabt eingestuft hatten und der als Grundschüler eine Klasse übersprungen hatte. Er ist so begabt, dass er verstandesmäßig auf viele Gesten richtig reagieren kann, obwohl ihm die unmittelbare Einfühlung schwer fällt - sogar Telefonkonferenzen in Englisch mit Kollegen in Indien bewältigt er gut.

Zu Hause in Oberhausen hat er häufig die Jalousien heruntergezogen, um von der Unruhe der Welt abgeschirmt zu sein. Jeden Tag kleidet er sich zur eigenen Beruhigung gleich - mit einem schwarzem T-Shirt und einer blauen Jeans. Selbst einzelne Staubkörner auf dem Boden können den allein lebenden jungen Mann irritieren. Als ihn früher einmal einige junge Männer verprügelten, schlug er nicht zurück und lief auch nicht weg - Hass als Emotion ist ihm fremd.

In der rationalen Welt der Bits und Bytes fühlt er sich wohl. Schon mit acht Jahren schrieb Jäger sein erstes Computerprogramm, jetzt entwickelt er als Hobby eine App für Smartphones mit. Doch als Hauptjob entwirft er Pläne, wie Henkel seine Server und Computerprogramme effizienter betreiben kann. "Ich arbeite mich gerne in völlig neue Themen ein. Je komplexer das Problem ist, umso mehr reizt es mich", erzählt er.

Beim ersten Autitcon-Berater bei Henkel ging die Liebe zur objektiven Wahrheit sogar so weit, dass er vorschlug, das ganze Excel-Programm des Weltkonzerns Microsoft umzuprogrammieren - aber das war Henkel dann doch zu viel des Ehrgeizes.

Trotz großer analytischer Stärken und der Fähigkeit zum Querdenken haben es Autisten gleichwohl oft schwer in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. So musste Jäger mehrfach die Schule wechseln. Nach der Lehre als IT-Systemelektroniker bei RWE und einigen Zeitverträgen musste er zwei Jahre suchen, bevor er die feste Beschäftigung bei Auticon beziehungsweise Henkel fand.

Viele Autisten brauchen sehr leise Arbeitsplätze, damit sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren können - auch Jäger sitzt etwas abseits der anderen Kollegen im Großraumbüro auf dem Henkel-Gelände. Der Smalltalk in der Kantine oder auf dem Flur liegt ihm auch nicht, bei der S-Bahn-Fahrt zur Arbeit ist er in sich gekehrt. Autisten leben in ihrer eigenen Welt, Streit ist für sie oft unerträglich, immer häufiger entpuppen sich ältere Mathematiker oder Naturwissenschaftler erst nach dem Studium als Autisten - die Grenze vom Eigenbrötler zu einem Menschen mit Autismus ist oft fließend.

Damit die Integration in neue Abteilungen gelingt, geben die Auticon-Job-Coaches der bundesweit aktiven Firma Kunden wie Henkel gezielt Tipps: "Wir müssen beispielsweise darauf achten, dass unsere Leute nicht zu viel arbeiten. Manche kennen ihre Grenzen da nicht", sagt Koenen. "Die Kollegen müssen sich auch entspannen und auch einmal, wie jeder andere auch, Urlaub machen."

Jäger selbst räumt ein, wie schwer es ihm fällt, sich von Zahlen und Tabellen zu lösen. Als Ablenkung geht er häufig eine Zigarette rauchen. "So zwinge ich mich zu Pausen und kann kurz abschalten."

Manchmal geht er auch mit seinen nicht weit entfernt wohnenden Eltern zum Singen im Kirchenchor, er hört Lieder von der deutschen Hardrock-Gruppe Rammstein. Gelegentlich unternimmt er auch mit dem Fahrrad eine Tour, doch die größte Ablenkung gelingt ihm beim abendlichen Sehen von TV-Serien oder Filmen. "Da höre ich auf zu denken und zu grübeln", sagt er.

Er hat die Fantasy-Reihe "Der Herr der Ringe" komplett inklusive vieler dazu passender Bücher im Regal stehen. So besitzt er ein Wörterbuch, das die Elbisch-Sprache aus dem Roman ins Deutsche übersetzt, und er hat auch einen Atlas über die Welt der Fantasy-Reihe. Was fasziniert ihn an dieser Welt? "Diese Welt beruht zwar auf Phantasie, aber sie ist durchdacht. Das finde ich gut."

Quelle: RP
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