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Halle
Der Kirk Douglas aus Westfalen

Halle. Der Mode-Unternehmer Gerhard "Gerry" Weber wird heute 75. Grund zum Feiern gibt es aber aus Firmensicht wenig. Von Dagmar Haas-Pilwat

Er sprudelte immer nur so vor Ideen. Schlank und dynamisch legte er ein Tempo vor, bei dem kaum einer mithalten konnte, und er erklärte alles zur Chefsache vom kleinsten Knopf bis zum Kleiderständer. Der Erfolg gab ihm recht: Gerhard Weber legte mit 23 Jahren den Grundstein für sein Mode-Imperium Gerry Weber. Seine ersten Damen-Hosen verkaufte er noch aus der Garage, seit den 80er-Jahren stellte das Unternehmen komplette Damenkollektionen her und nannte sich ab 1986 Gerry Weber. 1989 kam der Börsengang. Gerry Weber zählte jahrzehntelang zu den großen deutschen Vorzeige-Marken.

Doch nicht erst heute am 75. Geburtstag des Firmengründers stellt sich die Frage: Wollte der smarte Unternehmer aus Halle in Westfalen zu schnell zu viel? Massenhaft hat er Ein-Marken-Läden in die Innenstädte gepflanzt, gab Vollgas bei der Expansion ins Ausland. Statt neue Ideen zu entwickeln, trachtete er vor allem nach Größe. Er wollte es allen zeigen, dem Handel, dem Verbraucher und sich selbst. Unterdessen alterte die Marke gemeinsam mit dem Mode-Mann, die Läden wirken ausgestorben: Die Stammkundinnen, die 50- bis 60-Jährigen, kaufen inzwischen so wie die junge Generation lieber Flottes im Internet oder bei Zara und H&M.

Hat Gerhard Weber zu lange an seinem Vorstandposten geklebt? Viele sagen: Ja. Erst vor zwei Jahren ist er nach einem Vierteljahrhundert an der Spitze von der Konzernleitung abgetreten und in den Aufsichtsrat gewechselt. Aber nicht nur sein schwarzer Porsche wird weiterhin regelmäßig vor der Zentrale der Hauptverwaltung gesichtet. Sein Nachfolger und Sohn, Ralf Weber (53), versucht sich - wie auch andere namhaften Marken wie Boss, Tom Tailor, Esprit, Escada - gegen den Zerfall des früheren, aus dem Nichts aufgebauten Vorzeigeunternehmens zu stemmen. Bei der Neuausrichtung streicht das Management jede zehnte von 7000 Stellen. Auch 100 von 1000 Filialen fallen weg. So soll Gerry Weber 20 bis 25 Millionen Euro einsparen.

Die Modeindustrie kämpft im Internet um neue Kundschaft und liefert sich harte Preiskämpfe. Wie sehr leidet der Firmengründer? "Ich fühle hier mit. Schließlich habe auch ich viele Jahre mit diesen Mitarbeitern verbracht, wir haben zusammen schon viel erlebt", sagt Gerhard Weber aktuell in einem Interview. Aber es helfe nichts: Angesichts der Entwicklung in der gesamten Modebranche seien die Einschnitte unausweichlich. "Es gilt jetzt für die neue Generation, das Beste aus dem Umbruch der Branche zu machen. Sicherlich ist das Thema Mode heute viel komplexer und deshalb schwieriger zu managen als noch vor 50 Jahren", betont der Jubilar.

Einen herausragenden Platz in der Geschichte der deutschen Mode-Branche ist Gerhard Weber jedenfalls sicher. Dabei hätte sich der "Kirk Douglas aus Halle" mit den stahlblauen Augen im dunklen figurbetonten Anzug seiner italienischen Lieblingsmarke Etro, das weiße Hemd offen, das Einstecktuch bunt, bei allem Ehrgeiz niemals träumen lassen, dass er weltweite Bekanntheit erreichen würde. Und das schon 1986, als Weber auf der Düsseldorfer Modemesse Igedo einen Marketing-Coup landete und Tennis-Legende Steffi Graf bereits vor ihren ersten großen Siegen als Werbe-Ikone seiner Mode unter Vertrag nahm. Heute trifft sich einmal im Jahr die Tennis-Welt-Elite am Rande des Teutoburger Waldes zum Haller Tennis-Rasenturnier, das den Namen des Hauptsponsors trägt: Gerry Weber Open. Und der Senior, der Golf und Tennis als liebste Hobbys pflegt, wird auch diesmal ab 11. Juni garantiert als Zuschauer dabei sein.

Quelle: RP
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