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Waldachtal
Der Mann, der den Fischer-Dübel erfand

Waldachtal. Im Alter von 96 Jahren ist Artur Fischer gestorben. Mehr als 1100 Patente hat er im Laufe seines Lebens erhalten, darunter die für den S-Dübel und die "fischertechnik". Fischer galt als einer der produktivsten Erfinder der Welt. Von Beate Wyglenda

Ein kleines Stück Erinnerung hält wohl jeder an Artur Fischer bei sich zu Hause. Die meisten haben es im Werkzeugkasten, einige vielleicht in der gut sortierten Schublade, fast jeder in seiner Wand. Mehr als 1100 Patente hat der Mann angemeldet, der als Deutschlands erfolgreichster Erfinder gilt. Sein größter Coup: Der S-Dübel. Neben Stahlankern, Bohrgeräten und zementgebundenen Befestigungen war es vor allem dieses kleine graue Kunststoffteil, das Fischer weltweite Bekanntheit brachte. Nun ist der Patente-König tot. Im Alter von 96 Jahren ist er am Mittwoch im Kreise seiner Familie gestorben.

Er habe sein ganzes Leben "Probleme aus seinem Alltag in Lösungen verwandelt", würdigte das Europäische Patentamt Fischers Wirken, als es ihn 2014 für sein Lebenswerk mit dem Europäischen Erfinderpreis ausgezeichnet hat. Bauen, tüfteln, Probleme lösen - ein Lebenswerk, eine Leidenschaft, die Fischer schon von Kindesbeinen an begleitet hat. Gerne erzählte der 1919 in Waldachtal-Tumlingen geborene Erfinder, wie er mit acht Jahren versucht hatte, einen Hubschrauber aus Holz zu bauen. Für den Rotor nahm er ein Brett. Er bohrte ein Loch hinein und befestigte eine Kurbel vom Schrottplatz daran. Als die Konstruktion fertig war, drehte er so schnell er konnte. Er kurbelte bis ihm die Puste ausging, doch der Hubschrauber blieb hartnäckig am Boden stehen. "Heute hast du etwas gelernt. Nämlich, dass ein Hubschrauber nicht fliegt, wenn du ihn auf diese Weise baust", gab der Erfinder dann stets die Worte seiner Mutter wieder. Und Fischer hat gelernt. So gut sogar, dass er Zeit seines Lebens insgesamt mehr als 1100 Patente und Gebrauchsmuster angemeldet hat. Allein in Deutschland wurden ihm 570 Patente erteilt. Damit steht Fischer in einer Reihe mit Thomas Alva Edison.

Nach dem Realschulabschluss und einer Schlosserlehre musste der junge Mann aber zunächst in den Zweiten Weltkrieg. Er überlebte Stalingrad und war nach eigenen Worten mehr als einmal nur "Millimeter am Tod vorbeigeschrammt". Doch auch Krieg und Lagerhaft konnten seinen Tatendrang nicht schmälern. Stattdessen widmete sich Fischer wieder seiner Leidenschaft aus Kindertagen. "Das Kind muss in uns bleiben", sagte er einst über das Geheimnis des lebenslangen Erfindergeistes.

Bereits 1949 sorgte Fischer mit der Erfindung des Synchron-Blitzes dafür, dass es Licht wird, wenn die Kamera auslöst. Die Idee dazu kam ihm aus der Not heraus: Eine Fotografin konnte seine Tochter nicht ablichten, da es in dem vorgesehenen Raum zu dunkel war. Ein paar Jahre noch tüftelte Fischer an seiner revolutionären Erfindung weiter, ehe er den großen Herstellern das Feld überließ. Nicht ohne sich die gute Idee ebenso gut bezahlen zu lassen: Er erhielt das Grundkapital für den Aufbau seiner eigenen Firma, die er 1948 in seiner Schwarzwald-Heimat gegründet hat.

In den "Fischerwerken" gelang dem Erfinder 1958 auch sein größter Coup: Der S-Dübel. Ein kleines graues Stückchen Kunststoff, das heute so selbstverständlich benutzt wird, das sich kaum noch jemand Gedanken darüber macht. Das Prinzip ist ganz einfach: Kleines Loch bohren, Dübel rein, dann die Schraube - hält. Kaum vorstellbar, dass vor der Erfindung des Plastik-Bauteils für Verankerungen in der Wand große Löcher gebohrt und anschließend wieder zugespachtelt werden mussten.

Doch gerade diese alltäglichen Probleme waren es, die Fischer stets als Motor für seine Einfälle dienten. "Man kommt auf Erfindungen, indem man Defizite erkennt", hat der Pionier einst erklärt. "Die zweite Voraussetzung ist, dass man sich in ein Thema einlebt, das man nicht kennt." Fischers S-Dübel revolutionierten das Heimwerken. Und bescherten dem Erfinder weltweite Bekanntheit. Bis heute erzielen die Fischerwerke den Großteil ihres Umsatzes von rund 660 Millionen Euro jährlich mit Befestigungstechnik, allen voran Dübeln. Allein im Werk Waldachtal-Tumlingen werden täglich mehr als zehn Millionen Dübel produziert.

Ein Grund, sich vorzeitig zur Ruhe zu setzen, war der Erfolg für Fischer jedoch nicht. Im Gegenteil. Er tüftelte weiter, schuf Stahlanker, Bohrgeräte und zementgebundene Befestigungen. Auch die Erfindung von Schrauben für die Heilung von Knochenbrüchen geht auf sein Konto. Zuletzt entwarf er einen Eierbecher, in dem man mit einem Messer ein Ei köpfen kann, ohne dass dieses verrutscht. Bis ins hohe Alter machte sich Fischer fast jeden Tag Gedanken darüber, womit er die Welt beglücken könnte.

Sein größtes Vermächtnis ist allerdings, dass er die gleiche Leidenschaft, die er selbst schon als kleiner Junge für Technik hegte, auch anderen Kindern vermittelt hat. Technikbegeisterung beginne in jungen Jahren, war Fischer überzeugt und erfand den Spiel-Baukasten "Fischertechnik". Damit können Kinder zu Baumeistern werden und vieles über Maschinen lernen. Was ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für Dübel-Kunden gedacht war, wurde zum zweiten weltweiten Verkaufsschlager des Unternehmens. "Kinder haben ein schönes Erfolgserlebnis, wenn sie etwas selbst zusammengebaut haben", sagte der Erfinder einst in einem Interview. "Ich bekomme immer wieder Briefe von Leuten, die als Kind damit gespielt haben und hinterher Ingenieure geworden sind." Fischers Erfindergeist lebt also fort.

Quelle: RP
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