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Interview: Kurt Bodewig
"Der Verkehr braucht einen Masterplan"

Der Chef der Infrastruktur-Kommission der Bundesregierung fordert eine Reformkommission, die einen Masterplan für die Entwicklung der Infrastruktur erarbeiten soll. Deutschland brauche zudem mehr Planer und Ingenieure.

Das Bundesverkehrsministerium arbeitet am neuen Bundesverkehrswegeplan (BVWP). Damit wird der Rahmen für die Verkehrsinfrastruktur abgesteckt. Ist er ausreichend?

Kurt Bodewig Der BVWP ist ein gutes Instrument, um die Verkehrsinfrastruktur als Planungs- und Realisierungsinstrument zu beschreiben. Er setzt den Rahmen. Was wir aber brauchen, ist mehr.

Was meinen Sie damit?

Bodewig Es sind strukturelle Reformen erforderlich. Es gibt zahlreiche Konzepte dafür - den Masterplan Logistik, eine Reformkommission, den Bau von Großprojekten sowie beschlossene nationale Hafen- und Flughafenkonzepte. Doch die Infrastruktur ist so marode, dass wir diese Gedanken dringend zusammenführen müssen. Deutschland braucht einen Masterplan Verkehrsinfrastrukturentwicklung.

Wer soll die Stränge bündeln?

Bodewig Wir benötigen eine Art Reformkommission, die sich dauerhaft mit diesen Themen beschäftigt. Wir haben sehr unterschiedliche Problemstellungen zu bewältigen. Die Verkehrsprognose 2030 geht von einem ungeheuren Zuwachs an Verkehr aus, den wir strukturell nicht bewältigen können. Es gibt heute schon eine dramatische Situation bei Straßen, Schienen und Brücken. All das muss koordiniert werden.

Auf welchem Niveau würde diese Kommission Masterplan dann starten?

Bodewig Es ist eine Reihe guter Ansätze vorhanden, die man aber zusammenführen und um weitere Punkte ergänzen muss.

Welche wären das?

Bodewig In Deutschland fehlen massiv Planer und Vermessungsingenieure. Wenn es nämlich tatsächlich die 7,2 Milliarden Euro jährlich gäbe, die die Daehre-Kommission errechnet hat, dann hätten wir keine Personalkapazitäten, um die Mittel auch umzusetzen. Bei den Auftragsverwaltungen der Länder, aber auch bei der Bahn und anderswo fehlt das Personal dafür. Deutschland muss mehr Bauingenieure, Vermessungsingenieure und Planer ausbilden - eine Wissenschaftskonferenz sollte dies vorantreiben. All dies könnte Bestandteil eines Masterplans werden, der arbeitsteilig die verschiedenen Notwendigkeiten beschreibt.

Könnte der Masterplan nicht dem BVWP entgegenstehen?

Bodewig Nein. Es geht nicht nur um einen neuen BVWP. Es wäre fatal, die laufenden Projekte zu unterbrechen. Unser Problem ist: Wir verlieren täglich Zeit. Dieser Zeitverlust sorgt dafür, dass der Wertverlust der Verkehrsinfrastruktur von täglich 13 Millionen Euro ständig größer wird. Je länger etwas unterbleibt, desto teurer wird die nachholende Sanierung. Deswegen haben wir keine Zeit, Prozesse zu stoppen und neu zu justieren, sondern man muss sie aufeinander ausrichten.

Beim Autobahnbau entfallen nur 40 Prozent der Kosten auf den Bau. Was geht beim Management schief?

Bodewig Wir haben ein System, das sich nur an der Höhe der Bausumme orientiert. Es gibt keinen Anreiz, darunter zu bleiben. Denn alle Beteiligten profitieren von der hohen Bausumme - außer dem Steuerzahler. Der muss die Zeche zahlen.

Welches System wäre sinnvoller?

Bodewig Wir benötigen ein zugriffsicheres Instrumentarium. Dann kann man den Prozess steuern, Baulose besser zuteilen, eine Bonus-Malus-Regelung einführen, indem man für Minderleistungen Sanktionen vorsieht. Der Hauptpunkt ist eine Lebenszyklus-Orientierung. Es muss darum gehen, eine möglichst gute, langlebige Qualität zu erhalten und nicht das günstigste Angebot.

Mal wieder das Problem der Erkenntnis und fehlender Umsetzung. Wieso dauern die Reformen so lange?

Bodewig Das Angebot der Verkehrsministerkonferenz und meiner Kommission mit einem Teil der von mir soeben beschriebenen Maßnahmen war ein großes Angebot an den Bund, das der damalige Verkehrsminister nicht annahm.

Warum ist der Bundesverkehrsminister darauf nicht eingegangen?

Bodewig Die Frage der PKW-Maut für Ausländer hat vieles überlagert. Möglicherweise auch die Chance, statt fünf Milliarden Euro in vier Jahren deutlich mehr Geld für die Infrastruktur zu erhalten.

Bis wann muss der Masterplan umgesetzt sein?

Bodewig Ein Jahr ist inzwischen fast verstrichen. Die Uhr tickt. Wenn wir unsere Volkswirtschaft nicht nachhaltig beeinträchtigen wollen, müssen wir das Thema Infrastruktur endlich ernst nehmen. Dazu müssen wir Strukturen schaffen, die die Nachhaltigkeit der Finanzierung sichern. Die Hauptbelastung der Straße erfolgt durch den Lkw. Es ist dringend nötig, die Lkw-Maut auf allen Straßen bis zum Ende der Legislaturperiode umzusetzen.

Bis wann muss Konkretes passieren?

Bodewig Es müsste jetzt systematisch ein enger Zeitplan hergestellt werden, der bis zum Ende der Legislaturperiode abgearbeitet wird. Parallel dazu müssten auch Fragen der Personalkapazitäten schnellstmöglich angegangen werden.

GÜNTHER HÖRBST UND TIMON HEINRICI FÜHRTEN DAS GESPRÄCH FÜR DIE DEUTSCHE VERKEHRSZEITUNG (DVZ).

Quelle: RP
 
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