| 11.30 Uhr

Düsseldorf
Deutsche Anklagebank

Deutsche Bank: Stundenlange Verlesung der Klageschrift
FOTO: dpa, bom fdt sbh era
Düsseldorf. Mehrere Stunden hat die Verlesung der rund 100 Seiten starken Klageschrift gegen fünf amtierende und ehemalige Manager der Deutschen Bank gedauert. Aus Sicht der Staatsanwälte war Konzernchef Jürgen Fitschen nicht die treibende Kraft. Von Georg Winters

Auf den ersten Blick wirkt die Platzverteilung im Saal B 273 des Münchener Landgerichts ungewöhnlich. Jürgen Fitschen, der einzige noch aktive Deutsche-Bank-Manager in der Riege der fünf Angeklagten, sitzt erst in der dritten Reihe. Sein Vorgänger Josef Ackermann hat in der zweiten Platz genommen; ganz vorn sitzt Rolf Breuer, der schon seit 13 Jahren nicht mehr an der Spitze des Vorstandes steht.

Aber das ist nur scheinbar eine verkehrte Welt. In diesem Prozess, der für die deutsche Öffentlichkeit eines der spektakulärsten Wirtschaftsstrafverfahren überhaupt zu werden verspricht, ist Breuer die wichtigste Figur auf der Anklagebank. Er ist derjenige, dessen fast schon legendäres Interview in Sachen Kirch mit dem TV-Sender Bloomberg 2002 den Ausgangspunkt für den jetzigen Strafprozess bildete. Und er hat nach Überzeugung der Staatsanwälte maßgeblich an dem Plan gearbeitet, wie man durch Falschaussagen mögliche Schadenersatzansprüche des Medienunternehmers Leo Kirch respektive dessen Erben abwehren könne. Die Kirch-Seite sieht bis heute in Breuer den Schuldigen für die Pleite des Medienkonzerns, weil dieser in dem Interview die Kreditwürdigkeit des Medienzaren öffentlich angezweifelt und damit den Zusammenbruch ausgelöst habe.

Die angeblichen Falschaussagen finden sich in der Anklage unter dem Vorwurf "versuchter Prozessbetrug" wieder. Im Zivilprozess hatte der Vorsitzende Richter Guido Kotschy sogar von "dreisten Lügen" gesprochen. Einen Unterschied zwischen den Beteiligten machte Kotschy damals nicht.

Aus Sicht der Ankläger dagegen scheint Fitschen eher ein Mitläufer gewesen zu sein. Er habe weniger energisch als seine Vorgänger Breuer und Ackermann sowie die mitangeklagten Ex-Vorstände Clemens Börsig und Tessen von Heydebreck versucht, im Schadenersatzprozess die Justiz zu täuschen, sagte Staatsanwältin Christiane Serini bei der Verlesung der mehr als 100 Seiten starken Anklage. Das heißt: Er habe schriftlich falsche Aussagen gemacht, aber bei seinen mündlichen Vernehmungen nicht gelogen, sondern sich in Widersprüche verstrickt. Aber er habe auch nichts getan, um Falschaussagen seiner Kollegen zu verhindern.

Das riecht schon am ersten Prozesstag und noch ehe ein einziger Zeuge gehört worden ist, als wenn der amtierende Deutsche-Bank-Chef bei den Anklägern bessere Karten hätte als seine Mitangeklagten. Er ist auch derjenige, der am meisten zu verlieren hat, denn ein verurteilter Manager wäre weder als Konzernchef noch als Präsident des privaten Bankenverbandes zu halten. Natürlich bestreiten alle Angeklagten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Am Ende konzentriert sich alles auf die Beantwortung der Frage, ob Breuer in dem Interview all die Dinge gesagt hat, um der Deutschen Bank für den Fall einer Zerschlagung der Kirch-Gruppe lukrative Aufträge zu verschaffen.

16 Prozesstermine sind bis zum 22. September angesetzt. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen, werden sich alle Beteiligten stets dienstags im Gerichtssaal wiedersehen. Ob der Prozess danach tatsächlich zu Ende ist, bleibt vorerst offen. Auf jeden Fall wird die öffentliche Diskussion der Schuldfrage wieder einmal am Image der Bank kratzen, die durch die aktuelle Diskussion um den Umbau des Konzerns und viele Rechtsstreitigkeiten ohnehin kaum aus den Schlagzeilen kommt. Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim jedenfalls sieht eine deutliche Belastung. "Der Schaden ist gewaltig", sagte Burghof dem Deutschlandfunk. Aber am Ende wird der Schaden wohl nur bei einer Verurteilung nachhaltig. Das zweimalige Mannesmann-Verfahren unter anderem gegen Josef Ackermann jedenfalls war nicht dauerhaft von Nachteil. Am Ende interessiert den Normalkunden vermutlich mehr, ob seine Filiale um die Ecke bleibt oder verschwindet.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Deutsche Bank: Stundenlange Verlesung der Klageschrift


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.