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Der Ökonom
Deutschlands Löhne sind zu niedrig
Häufig führen zu hohe Löhne zu Arbeitslosigkeit. Doch seit einem Jahrzehnt stagnieren die Reallöhne in Deutschland. Das wird zunehmend zum Problem.

Der Lohn zählt neben Zins, Immobilienpreisen, Wechselkurs und Ölpreis zu den wichtigsten volkswirtschaftlichen Größen. Die richtige Lohnformel entscheidet über Beschäftigung und Konjunktur und kann sogar die Währung beeinflussen. Schon mancher Regierungschef stürzte über falsche Löhne.

Für Ökonomen sind die Löhne meist zu hoch. In diesem Fall ist es für Unternehmen nicht attraktiv genug, neue Kräfte einzustellen. Löhne können aber auch zu niedrig sein. Das scheint im Augenblick in Deutschland der Fall zu sein. Sehr zum Ärger der Nachbarn.

Der Grund liegt in der falschen Lohnformel. Die Gewerkschaften lassen sich nämlich bei ihrer Tarifforderung von einer einfachen Formel leiten. Neben einer Umverteilungskomponente verlangen sie einen Inflationsausgleich und den Zuwachs an Produktivität – also das, was die Arbeitnehmer bei gleichem Einsatz mehr produzieren. Das erscheint plausibel, hat jedoch einen Haken. In den 70er, 80er und 90er Jahren haben die Gewerkschaften meist zu viel durchgesetzt. Sie haben Produktivität und Inflation oft zu hoch eingeschätzt. Die Folge war Arbeitslosigkeit. Weil die Gewerkschaften an dieser Lohnformel festhielten, erreichte die Unterbeschäftigung nach jeder Rezession einen höheren Sockel. Wegen des Schätzirrtums ging auch die Neuberechnung von Produktivität und Inflation von falschen Grundwerten aus.

Jetzt ist es umgekehrt. Die Gewerkschaften waren zu pessimistisch. Zugleich ist ihre Schlagkraft gesunken. Die Löhne in Deutschland stagnieren daher seit über einem Jahrzehnt. Und gegenüber der Euro-Zone, unserem wichtigsten Exportziel, ist laut OECD die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen seit der Einführung der gemeinsamen Währung um 23 Prozent gestiegen.

Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit in vielen Regionen Deutschlands fast verschwunden. Es ist also Zeit, dass die Löhne kräftiger steigen als bisher. Darüber würden sich nicht nur Arbeitnehmer freuen. Auch für Südeuropas Länder wäre es dann leichter, nach Deutschland zu exportieren. Die Gewerkschaften sollten also nicht ihre überholte Lohnformel für die Tarifrunden einsetzen, sondern schauen, was der Markt an Lohnerhöhungen verträgt.

Quelle: RP
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