Essen

Die Architekten des Kohleausstiegs

Essen. Im dritten Band "Faszination Steinkohle" erzählen Müller, Schmoldt, Ladzinski, wie alles kam.

Das Zeitalter der Steinkohle neigt sich dem Ende zu, 2018 schließt mit Prosper Haniel die letzte deutsche Zeche. Damit endet ein Kapitel Wirtschaftsgeschichte - und zwar ohne Strukturbrüche und Massenentlassungen. Wie dieses Kunststück gelang, erzählt der jetzt erschienene dritte Band der Reihe "Faszination des Steinkohlenbergbaus in Deutschland". Er bietet Bilder vom Kampf der Kumpel, Zeitzeugen-Berichte - und ein lesenswertes Interview mit den Architekten des Ausstiegs: Werner Müller (damals RAG-Chef), Hubertus Schmoldt (damals Chef der IG BCE), Ludwig Ladzinski (damals Betriebsrats-Chef der RAG).

Ladzinski berichtet vom Druck auf die Kumpel und der geringen Verlässlichkeit der Politik. Er erinnert an den Spruch eines Kollegen: "Wir haben in Bonn unterschrieben, und wenn ich in Wattenscheid war, haben die schon angerufen und gesagt, wir haben es uns anders überlegt." Jürgen Rüttgers sei 2005 in den Wahlkampf gegangen mit der Ansage, den Bergbau zu schließen, erinnert Müller. Auch die EU wollte dies. In der Not ersann Müller den Plan, die subventionierte Kohleförderung von den gewinnstarken Industriebeteiligungen zu trennen. Als sich die RAG-Eigentümer wie Thyssenkrupp und RWE zierten, entstand die Idee, das Ganze in eine Stiftung zu packen - die RAG-Stiftung. Die Gewerkschaft, die im Bergbau einen Organisationsgrad von fast 100 Prozent hatte, zog mit. "Wenn vernünftige Lösungen da sind, gibt es gesprächsweise keine Tabus", sagte Schmoldt. Ein revolutionärer Satz. Das Tabu war das Zechen-Aus, die vernünftige Lösung der behutsame Ausstieg ohne Kündigungen. So kam es, und alle hielten Wort. Müller fasst es so zusammen: "Ich bin noch nie irgendwo im Bergbau beschissen worden."

Werner Müller (Hrsg.) "Unter uns - Die Faszination des Steinkohlenbergbaus in Deutschland, Band 3: Politik und Positionen", 2017, 192 Seiten, 19,95 Euro.

(anh)

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