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Berlin
Die digitalen Brutkästen der NRW-Konzerne

Berlin. Ihren Hauptsitz haben Bayer, Henkel und RWE zwar in Nordrhein-Westfalen, doch nach Zukunftsmärkten suchen sie in Berlin. Von Florian Rinke

Es ist ein ungewöhnliches Duo, das sich zusammengefunden hat, um in Berlin an der Zukunft zu arbeiten: Hier der Düsseldorfer Waschmittel- und Klebstoffkonzern Henkel, dort der Essener Energiekonzern RWE. Zwei Unternehmen aus völlig anderen Branchen, mit völlig unterschiedlichen Geschäftsmodellen, ja zuletzt auch unterschiedlich großen Erfolgen. Und doch haben diese beiden Unternehmen dasselbe Interesse: Gemeinsam eröffnen sie heute in Berlin mit weiteren Partnern eine Start-up-Fabrik, um vielversprechenden Unternehmen eine Chance zu geben und gleichzeitig von ihnen zu lernen.

Das German Tech Entrepreneurship Center, kurz GTEC, soll ein Ökosystem für Start-ups aus aller Welt werden. Diese sollen nach einem Bewerbungsverfahren in den neuen Räumlichkeiten nicht nur arbeiten, sondern auch von dem Wissen und der technischen Ausstattung der Gründungsmitglieder profitieren. "Die Start-ups sind nicht auf unser Geld angewiesen", sagt Paolo Bavaj, der sich bei Henkel um die Entwicklung neuer Geschäftsfelder kümmert: "Was wir ihnen bieten können sind Labore, Wissen - und den Marktzugang." Im Gegenzug liefern die Start-ups den Unternehmen neue Ideen und Impulse für den eigenen Arbeitsalltag.

Henkel und RWE sind nicht die einzigen NRW-Konzerne, die mit einem sogenannten Accelerator, wie diese Brutkästen auch heißen, um junge Unternehmen buhlen. Auffällig ist: Während die Landesregierung mit einer neuen Digitalstrategie versucht, eigene Start-up-Zentren in NRW zu entwickeln, weichen die großen NRW-Konzerne lieber nach Berlin aus: RWE, Henkel, Metro, Bayer oder Telekom - sie alle haben ihren Firmensitz zwar im bevölkerungsreichsten Bundesland, nach neuen Geschäftsmodellen suchen sie jedoch lieber woanders.

Das wirft Fragen auf: Lassen sich die Unternehmen vom Hype um die deutsche Start-up-Hauptstadt blenden? Braucht es, um als modern und innovativ zu gelten, unbedingt die eigene Repräsentanz zur Förderung der Start-up-Szene in der Hauptstadt? Begehen die NRW-Konzerne gar eine Art digitaler Fahnenflucht, wie sich mancher halblaut ärgert? Oder hat NRW tatsächlich so wenig zu bieten, dass man als Großkonzern zwar gerne seine Wurzeln betont, die Triebe aber zwangläufig in andere Himmelsrichtungen sprießen lassen muss?

"Düsseldorf ist Heimat der Metro AG und gleichzeitig ein aufstrebender Standort für junge Unternehmen", versichert man bei der Düsseldorfer Metro, die mit dem Techstars Metro Accelerator ebenfalls in diesem Jahr einen eigenen Start-up-Brutkasten in Berlin gestartet hat, schiebt jedoch hinterher: "Für Investoren sind Berlin und London europaweit die wichtigsten Hot Spots der Start-up-Szene." Die vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten und Immobilienpreise sowie die internationale Ausrichtung der Stadt seien ebenfalls ein Pluspunkt.

Auch Paolo Bavaj von Henkel sagt ehrlich: "Bei der Kombination von großen Universitäten mit dem Forschungsgebiet Materialwissenschaft und sehr guten Bedingungen für Start-ups ist Berlin europaweit konkurrenzlos." Auch er argumentiert mit den Lebenshaltungskosten, den drei großen Universitäten vor Ort. Zwar finde man auch in NRW gute Start-ups, doch "als Unternehmen kommt man inzwischen an Berlin nicht mehr vorbei." Bavaj, dessen Abteilung Innovationen seit langem bei Henkel auch durch interne Konzepte immer weiter vorantreibt, hat dafür auch eine Erklärung: Berlin sei nach der Wiedervereinigung in einem atemberaubendem Tempo gewachsen. "Das war eine gute Chance für Start-ups."

So bitter die Entscheidung der Konzerne zunächst für NRW auch ist - langfristig könnte sie auch Chancen bergen: Denn während die Start-ups, die bei Bayers Accelerator "CoLaborator" untergebracht sind, Laborausrüstung vor Ort nutzen können, werden die von Henkel geförderten Start-ups nach Düsseldorf kommen müssen, um auf Labors und Einrichtungen des Dax-Konzerns zugreifen zu können. Auch von der Metro geförderte Start-ups lernen die Region bei Veranstaltungen immer wieder hautnah kennen. Gut möglich also, dass manches Unternehmen nach einiger Zeit direkt hier bleibt, anstatt immer zwischen zwei Welten zu pendeln.

Quelle: RP
 
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