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Interview Uwe Rittmann
"Die Digitalisierung verschwindet nicht wie ein Schnupfen"

Düsseldorf Als Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater bei PricewaterhouseCoopers kommt Uwe Rittmann herum. Er sieht Familienunternehmen und Mittelständler, die sich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigen, und solche, die deren Folgen unterschätzen. Rittmann ist Mitglied der Jury beim Wettbewerb "NRW - Wirtschaft im Wandel" der RP und der Initiative "Land der Ideen".

Verschläft der Mittelstand die Digitalisierung?

Rittmann Das ist sehr unterschiedlich. Manche verstehen unter Digitalisierung immer noch den Betrieb einer Homepage, andere denken nur an Industrie 4.0, also an die Produktionsseite. Wieder andere kommen nur über das Thema Digitales Geschäftsmodell. Ein durchgehendes Verständnis gibt es nur selten.

Warum werden die Herausforderungen so unterschätzt? Die Erfahrungen des Buchhandels mit Amazon dürften doch Warnung genug sein.

Rittmann Viele glauben, das Thema sei wie ein Schnupfen und ginge irgendwann wieder weg. Sie können sich nicht vorstellen, dass irgendwann auch ihre Produkte oder ihr Geschäftsmodell ersetzt werden könnten. Generell habe ich festgestellt: In Großstädten wie Düsseldorf, Köln oder Essen ist deutlich mehr Bewusstsein für die Dringlichkeit als in den so genannten Speckgürteln oder im Münsterland.

Braucht es immer ein digitales Geschäftsmodell?

Rittmann Sicher nicht, aber vielleicht erkennt ein Hersteller von Schrauben oder Schläuchen nicht direkt, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf sein Geschäftsmodell hat. Am Ende geht es aber um viel mehr.

Und zwar?

Rittmann Viele Menschen beschäftigen sich noch zu sehr mit digitalen Geschäftsmodellen und zu wenig mit Fragen der Sicherheit. Dabei spielt das Thema Datensicherheit eine ganz wichtige Rolle in Zukunft.

Und das ist den Leuten nicht klar?

Rittmann Viele wissen gar nicht, auf was für einem Datenschatz sie bereits heute sitzen. Dabei fallen durch die Digitalisierung ja immer mehr Daten an - und sei es nur durch die zunehmende elektronische Kommunikation. Damit werden für Angreifer auch Firmen interessant, die das bisher vielleicht gar nicht von sich selbst gedacht hätten.

Hängen das Bewusstsein und die Intensität, mit der man sich dem Thema Digitalisierung widmet, mit dem Alter der Unternehmer zusammen?

Rittmann Das kann man nicht verallgemeinern. Natürlich sind junge Menschen ganz anders sozialisiert, die tun sich oft leichter. Auf der anderen Seite erleben wir auch viele ältere, gestandene Unternehmer, die sich offen mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Am Ende geht es immer darum, die Notwendigkeit zu erkennen, etwas zu ändern. Da spielt das Alter keine Rolle.

Haben Familienunternehmen beim Meistern der Digitalisierung Vorteile, weil die Entscheidungswege kürzer sind?

Rittmann Definitiv. Sie denken einerseits langfristiger und können andererseits auch viel schneller reagieren, etwa beim Umstellen eines kompletten Geschäftsmodells. Dafür muss der Kreis derjenigen, die mitsprechen, allerdings relativ klein sein. Momentan erleben wir durch die Diskussionen um die Erbschaftssteuerreform, dass viele Gesellschafterkreise deutlich wachsen, weil viele jetzt Anteile übertragen, bevor es teurer wird. Das kann Unternehmen auch aufhalten, da gemeinsame Entscheidungen schwieriger werden.

Gibt es weitere Nachteile?

Rittmann Die Familie kann auch bei der Besetzung von Führungspositionen zum Problem werden - etwa wenn man unbedingt Familienmitglieder in der Führung haben will, obwohl geeignete Kandidaten fehlen. Auch der Zugang zu frischem Kapital ist für Familienunternehmen natürlich vergleichsweise schwierig, weil gewisse Finanzierungsformen für sie nicht infrage kommen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE FLORIAN RINKE.

Quelle: RP
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