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Frankfurt
Die EZB schafft die Zinsen ab

Frankfurt. Im Dezember enttäuschte die Zentralbank die Erwartungen, diesmal hat sie die Finanzwelt überrascht. Was bedeuten die Zinsmaßnahmen für die Banken, für Sparer, Aktionäre und Eigenheim-Besitzer? Antworten auf wichtige Fragen. Von Michael Braun, Birgit Marschall und Georg Winters

Die Europäische Zentralbank will es wissen. Im Dezember hat sie die Markterwartungen an ihre Geldpolitik enttäuscht, weil sie zu wenig lieferte, jetzt hat sie an mehreren Fronten zugeschlagen. Sie hat die Zinsen gesenkt, will noch mehr Anleihen kaufen, sogar von Unternehmen, nicht nur von Staaten. Und damit die Banken nicht ins Schlingern kommen, bietet sie ihnen billige Refinanzierungsgeschäfte an. Die Botschaft lautet: Das Geld bleibt billig. Aber ist die Botschaft positiv für alle?

Sparer "Die Zinsentscheidung verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer", sagt Liane Buchholz vom Verband der öffentlichen Banken in Deutschland. Auf Fest- und Tagesgeld wird es in absehbarer Zeit keine nennenswerte Verzinsung geben, Lebensversicherungen verlieren weiter an Attraktivität. Die Branche leidet ohnehin unter den Niedrigzinsen, weil sie bei ihren eigenen Investments zumindest bei hochverzinsten Altverträgen nicht mehr das erwirtschaftet, was sie versprochen hat. Und jetzt muss sie auch noch höhere Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei Banken deponiert.

Banken Vor allem Sparkassen, Volksbanken und die Postbank haben hohe Spareinlagen, die sie aber nicht alle als Kredit verkaufen können, weil die Nachfrage fehlt. Und zinsbringende Geldanlagen gibt es immer weniger. Die überschüssigen Gelder müssen also risikoträchtiger angelegt werden, um noch etwas Rendite zu bringen oder um sie nicht zum Strafzins bei der EZB deponieren zu müssen. Das heißt: Die Ertragslage der Banken wird schwieriger. Das versucht die EZB dadurch abzumildern, dass sie den Banken vier Refinanzierungsgeschäfte anbietet, alle mit vier Jahren Laufzeit und so billig, dass bei der Kreditvergabe an Endkunden doch noch ein Verdienst herauskommen könnte.

Aktionäre Gestern haben die Börsianer zeitweise von der Zinssenkung profitiert. Die generelle Rechnung dabei: Je niedriger die Zinsen, desto billiger die Kredite für Unternehmen, desto größer die Gewinnchancen - auch für die Aktionäre. Aber der Boom hat nicht lange gehalten. "Das Hoch ist durch das EZB-Geld getrieben, aber nicht immer fundamental durch die Unternehmenszahlen", sagt der Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke. Das heißt: Nicht jeder Kursaufschwung ist gerechtfertigt, Anleger müssen genau hinschauen. Von der Zinssenkung profitieren können exportorientierte Unternehmen: Bei niedrigen Zinsen werden Investments im Euro-Raum unattraktiver, das lässt den Kurs der Währung sinken, und das macht den Kauf deutscher Produkte für Abnehmer außerhalb der Euro-Zone billiger.

Konjunktur Bisher hat die EZB mit ihrer Zinspolitik den erhofften Aufschwung in der Euro-Zone noch nicht bewirkt. Das sieht auch der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, so: Die derzeitige Geldpolitik habe problematische Verteilungswirkungen, die Stabilität am Finanzmarkt sei gefährdet, erklärte Schick. Daran sei aber nicht die EZB schuld: "Der Ball liegt nicht in Frankfurt, sondern in Berlin. Ohne eine Stärkung der Investitionen wird die Nachfrage nach Krediten niedrig bleiben und deshalb auch der Zins. Deswegen sollten sich alle, die sich über die Niedrigzinssituation aufregen, an Finanzminister Schäuble wenden, der beim Thema Investitionen kläglich versagt."

Euro Der Euro knickte gestern zunächst ein, erholte sich dann aber deutlich. Das hängt damit zusammen, dass einzelne Händler Draghis Aussagen gestern als letzten Schritt der lockeren Geldpolitik interpretierten. Steigende Zinsen wird es deshalb aber noch lange nicht geben. Die sind von der EZB nicht gewollt. Und damit ist auch ein baldiger, deutlicher Anstieg des Euro-Kurses eher unwahrscheinlich.

Quelle: RP
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