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Volkswagen
Die Hausmacht von Wolfsburg

Wolfsburg. Kaum ein Weltkonzern hat so komplizierte Machtverhältnisse wie Volkswagen. Da sind das Land Niedersachsen, das Emirat Katar - und vor allem die Familien Porsche und Piëch. Ohne sie geht nichts. Und das merkt man auch. Von Florian Rinke

Aufsichtsratssitzungen bei Volkswagen sind auch immer ein bisschen Familientreffen: Da trifft Wolfgang Porsche seinen Cousin Hans Michel Piëch, hinzu gesellen sich Porsches Neffe Ferdinand Oliver Porsche und Piëchs Nichte Louise Kiesling. Ihr Vorfahre, Ferdinand Porsche, hatte den VW-Käfer entwickelt und damit den Grundstein für einen der größten Auto-Hersteller der Welt gelegt. Längst ist aus dem Unternehmen eine Aktiengesellschaft geworden, geführt wird der Konzern aber nach wie vor im Stile eines Familienunternehmens: Ohne die Erben von Ferdinand Porsche, die über die Holding Porsche SE die Mehrheit halten, geht beim Volkswagen-Konzern nichts.

Weil die Verhältnisse so sind, wie sie sind, war die kleine, aber dennoch überraschende Rebellion Niedersachsens bei der vom Abgas-Skandal überschatteten Volkswagen-Hauptversammlung am Mittwoch von vornherein auch nur eine symbolische Geste: Als es um die Entlastung des kompletten Vorstandes ging, enthielt sich der zweite Großaktionär neben der Porsche SE am späten Mittwochabend bei zwei Personalien: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess. Natürlich sei dies kein Misstrauensvotum, beeilte sich Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) am Tag nach der Entscheidung zu betonen. Das Land habe vielmehr aus Respekt vor den Behörden gehandelt. Die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt, deute auf noch offene Fragen bei der Aufarbeitung der Abgas-Affäre hin.

Montag war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen möglicher Marktmanipulation gegen Winterkorn und Diess ermittelt. Es besteht der Anfangsverdacht, die Finanzwelt zu spät über die Dimension und die möglichen finanziellen Risiken der Abgaskrise informiert zu haben. Für die Porsches und Piëchs war das kein Problem, sie entlasteten den Vorstand mit ihrer satten Mehrheit von über 50 Prozent einfach selbst.

Die Entscheidung dürfte hinter den Kulissen dennoch für Wirbel gesorgt haben, immerhin entstand dadurch neue Unruhe. Dabei war die Hauptversammlung auch so schon turbulent genug. Aktionäre hatten unter anderem eine unabhängige Sonderprüfung gefordert, sich aber nicht durchsetzen können. Nun will die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz diese gerichtlich durchsetzen lassen.

Um noch mehr Chaos zu vermeiden, hatten sich die Großaktionäre vorab abgestimmt und versucht, mögliche Krisenherde abzuräumen: Die Porsches und Piëchs hatten dafür laut "Handelsblatt" sogar ihren Versuch, Niedersachsens Einfluss zu verringern abgebrochen und einer Mini-Dividende zugestimmt. Darauf hatte das Land gedrängt, weil andernfalls ein empfindlicher Machtverlust gedroht hätte. Wäre zwei Jahre in Folge keine Dividende gezahlt worden, hätten die Inhaber der bisher stimmrechtslosen Vorzugsaktien aufgrund des Aktiengesetzes Mitspracherechte bekommen. Damit wäre der Einfluss von Niedersachsen bei VW verwässert worden. Zwar ist noch nicht klar, ob im kommenden Jahr ebenfalls keine Dividende gezahlt worden wäre, aber die Gefahr ist vergleichsweise groß, immerhin drohen in den USA hohe Strafen.

So wurde am Abend bekannt, dass VW dort zur Beilegung von Schadenersatz-Forderungen umgerechnet rund neun Milliarden Euro zahlen muss. Der Großteil der zwischen US-Behörden und VW vereinbarten Summe solle dafür verwendet werden, betroffene Diesel-Fahrzeuge zu reparieren, zurückzukaufen und die Besitzer zu entschädigen, berichtete die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf informierte Kreise. Das Geld geht demnach mehrheitlich an 482.000 US-Besitzer von Wagen mit Zwei-Liter-Dieselmotoren, deren Abgaswerte bei Tests manipuliert worden waren. Ein Teil der Summe entfalle auf Strafzahlungen an die US-Regierung sowie auf ein Programm zur Bereinigung von Umweltschäden.

Quelle: RP
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