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Düsseldorf
Die "Metall-Piloten" von NRW

Düsseldorf. Nach einer langen Nacht in Köln steht der Abschluss für die Metall- und Elektroindustrie. Gewinner sind die Verhandlungsführer. Von Maximilian Plück

Wenn man Knut Giesler, den NRW-Bezirksleiter der IG Metall, zuletzt darauf ansprach, ob er nicht endlich an der Reihe sei, einen großen Pilot-Tarifabschluss für seine Gewerkschaft auszuhandeln, bekam man ein Giesler-typisches, verschmitzt vielsagendes Lächeln. Mit etwas Verzögerung schob der Gewerkschafter den Hinweis hinterher, dass ja noch drei andere Bezirksleiter - in Baden-Württemberg, Bayern und in Niedersachsen - einen Pilotenschein hätten: "Wir wollen doch für die Arbeitgeber unberechenbar bleiben."

Es ist unbestritten der Traum eines jeden Regionalfürsten bei Deutschlands mächtigster Gewerkschaft, einmal in der Rolle des Verhandlungsführers einen Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie zu schaffen, bei dem die anderen Bezirke Schritt für Schritt nachziehen. Es ist ein Traum, der für den 52-Jährigen gestern in Erfüllung ging. Meriten hatte sich Giesler, der seit 2012 an der Spitze des mitgliederstärksten IG-Metall-Bezirks steht, zwar schon mit Abschlüssen in der wichtigen, aber bedeutend kleineren Stahlbranche verschafft. Der letzte Metall- und Elektro-Pilot aus NRW stammt jedoch aus dem Jahr 2010 und geht auf das Konto von Gieslers Vorgänger Oliver Burkhard, heute Arbeitsdirektor bei Thyssenkrupp.

Die Ausgangslage war für die IG Metall in diesem Jahr nicht einfach. Angesichts einer Inflationsrate nahe Null und einer niedrigen Produktivität fiel es schwer, die Forderung von fünf Prozent zu begründen. Das hatten auch die Arbeitgeber erkannt und in Runde zwei das niedrigste Gegenangebot in der Geschichte der IG Metall vorgelegt. Giesler kochte, sprach von einer Kampfansage und einer Provokation. Er überzog die NRW-Firmen mit heftigen Warnstreiks.

Etwa 760.000 Streikende in ganz Deutschland zeigten in der fünften Verhandlungsrunde schließlich Wirkung: Als gestern Vormittag das IG-Metall-Verhandlungsteam nach rund 14-stündigem Gesprächsmarathon der Tarifkommission das Ergebnis vortrug - 4,8 Prozent gestaffelt über zwei Jahre plus 150 Euro Einmalzahlung - gab es Sitzungsteilnehmern zufolge stehende Ovationen. Für den 52-jährigen Giesler markiert der gestrige Tag den vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere.

Möglich wurde dieser auch deshalb, weil die Chemie zwischen ihm und Metall-NRW-Präsident Arndt Kirchhoff offenbar stimmt. Beide gelten als Freunde klarer, schnörkelloser Worte, beide sind Motorenbegeistert - Giesler schwärmt für alte Motorräder der Marke Motoguzzi, Kirchhoff nahm erst im letzten Jahr an einer Oldtimer-Rallye teil. Beim Sport werden die Gemeinsamkeiten geringer: Giesler stemmt regelmäßig Gewichte und joggt, Kirchhoff spielt Golf, segelt und fährt gern Ski. Doch die gegenseitige Wertschätzung ist fast greifbar. So hatte Giesler im Vorfeld gesagt, NRW sei auch deshalb als Pilotbezirk geeignet, weil auch die Arbeitgeberseite abschlussfähig sei.

Aus Kirchhoffs Mund klang das so: Die Atmosphäre in Köln sei "sehr gut" gewesen. "Das war alles sehr konstruktiv. Da kam bei keiner Seite Frust auf", sagte der Attendorner Unternehmer, als er erschöpft, aber zufrieden am Mittag zu Hause eine kurze Verschnaufpause einlegte. Schon kurz darauf musste er den Mitgliedern seines Verbandes in Olpe die Ergebnisse erläutern.

Kein einfaches Unterfangen. Denn im Arbeitgeberlager war die Erwartungshaltung groß. Schuld waren die vorangegangenen Abschlüsse: 3,4 Prozent für 2015, eine zweistufige Erhöhung um 3,4 und 2,2 Prozent für die Jahre 2013 und 2014 sowie 4,3 Prozent im Jahr 2012 - diese Lohnsprünge hatten für Unmut gesorgt. Einige Unternehmer warfen Gesamtmetall vor, die Abschlüsse überforderten die Firmen.

Auch deshalb hatte Metall NRW das historisch niedrige Angebot vorgelegt. Kirchhoff räumte im Gespräch mit unserer Redaktion ein, auch der nun gefundene Abschluss klinge hoch. "Das ist aber machbar." Diese Machbarkeit leitet er aus der langen Laufzeit ab und vor allem aus einem persönlichen Herzensanliegen: der Differenzierung. Krisengebeutelte Firmen dürfen Teile der Lohnerhöhung aussetzen oder verschieben. Dieser Punkt geht klar an Kirchhoff.

Es könnte sein, dass er und Giesler bald noch einmal zusammen in NRW das ganz große Rad drehen. Beide vereinbarten Gespräche darüber, solche Differenzierungen in einen Tarifvertrag zu gießen. Diese müssten dann nicht immer wieder in jeder Tarifrunde mühsam neu verhandelt werden. Differenzierungen könnten etwa an die Ertragslage gekoppelt werden und sowohl nach oben als auch unten möglich sein, so Kirchhoff: "Das stärkt den Flächentarifvertrag." Sollte das Projekt gelingen, hätten Giesler und Kirchhoff sich den Titel "Metall-Piloten" nachhaltig verdient.

Quelle: RP
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