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Gläserner Kunde: Die Sammelwut der Wirtschaft

VON KAI ALTHOETMAR - zuletzt aktualisiert: 03.06.2005 - 08:15

Düsseldorf (RP). Banken, Versicherungen, Handybetreiber oder Einzelhändler wollen den gläsernen Kunden. Das Geschäft der Datensammler blüht. Die Firmen entscheiden immer häufiger anhand undurchsichtiger Erfassungssysteme.

Der Drang, Daten über Kauflust und Kreditwürdigkeit von Kunden zu sammeln, wächst. Kundenkarten florieren, Banken und Händler entscheiden immer häufiger anhand undurchsichtiger Scoring-Systeme, wem sie Kredit geben. Zuletzt schlug die Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) Alarm. Die Datensammelwut der Wirtschaft nehme kein Ende, der Datenschutz werde immer weiter ausgehöhlt.

Vor allem über Kundenkarten, die mit dem Ende des Rabattgesetztes aufkamen, sammeln Firmen detaillierte Daten über Verbraucher und ihr Einkaufsverhalten. „Der tatsächliche Vorteil der Kundenkarten für den Verbraucher steht in keinem Verhältnis zu den umfangreichen personenbezogenen Daten über das Einkaufsverhalten, die die Unternehmen gewinnen“, urteilt vzbv-Vorstand Edda Fels.

Immer beliebter wird das so genannte Scoring. Der Score (engl.: Punktzahl) gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Kredit zurückgezahlt wird. Je geringer der Score ist, desto höher ist das Ausfallrisiko. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung für den Eintritt eines Schadens soll dabei nicht auf eine konkrete Person zielen, sondern auf die statistische Möglichkeit eines Schadens, wenn bestimmte Merkmale zusammen auftreten, vergleichbar der Prämienberechnung in der Kfz-Haftpflicht.

Vielen Unternehmen genügt es heute nicht mehr, die Zahlungsmoral ihres künftigen Kunden zu erfahren, wenn der die „Schufa-Klausel“ unterschreibt. Sie wollen auch den Score erfahren. Die Wiesbadener Kreditauskunftei Schufa bietet das Scoring seit 1997 an. Für jedes Merkmal vergibt sie eine Punktzahl. Quintessenz: Je höher das Risiko, desto teurer der Kredit. In ihrer Scoring-Statistik vergibt die Schufa die beste Ratingnote A, die das Risiko einer „Zahlungsstörung“ auf unter ein Prozent beziffert, nur an jeden fünften Deutschen.

Pflicht-Scoring für Bauherren ab 2007

Auch bei Baukrediten greifen die Banken künftig auf diese Methode zurück. So müssen sich ab 2007 Bauherren einem bankinternen Scoring unterziehen. Dabei wird das individuelle Risiko ermittelt. Wichtige Kriterien sind Eigenkapital, Alter und Familienstand des Kunden, Sicherheit des Arbeitsplatzes und Beschäftigungsdauer, aber auch die „Mikrolage“ am Wohnort. Geschiedene oder kleine Selbständige etwa müssen künftig mit schlechteren Konditionen rechnen.

Manche Score-Daten hat der Kunde nicht selbst zu verantworten, etwa die „Mikrolage“. Dazu zählen etwa die Arbeitslosen- und die Scheidungsquote, die Lebenshaltungskosten und die Bevölkerungsstruktur am Wohnort. Zugespitzt kann das heißen, dass der Existenzgründungskredit platzt, der Mietvertrag nicht zustande kommt oder eine dringende Warenlieferung ausbleibt, weil im Stadtviertel Gleichaltrige unpünktlich bezahlt haben.

Welche Daten genau in den Score eingehen, teilt die Schufa mit Hinweis auf das „Geschäftsgeheimnis“ nicht mit. Sicher ist aber, dass neben sozioökonomischen Daten der Wohngegend zum Beispiel auch allgemeine Daten über Umzüge, Arbeitgeberwechsel und Alter in der entsprechenden Gegend einfließen. Denn Umzüge kosten viel Geld, häufige Jobwechsel lassen vermuten, dass jemand über die Probezeit nicht hinauskommt.

„Dieser Datenbestand ist einzigartig - sowohl in seiner Aktualität als auch in der Reichweite“, wirbt die Schufa. 62 Millionen Verbraucher und 343 Millionen Einzeldaten hat die Schufa in ihren Akten. 69,5 Millionen mal hat die Schufa Holding AG 2003 Informationen verkauft. Die Schufa bietet ihre Daten jedem an, „wenn ein berechtigtes Interesse im Einzelfall glaubhaft belegt wurde“. Zur Schuldnerermittlung verkaufen die Sammler auch Adressen. Die Interessenten stehen Schlange.

Quelle: Rheinische Post

 
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