| 07.36 Uhr

Düsseldorf
Die Stimme in meinem Kopf

Düsseldorf. Künftig kommunizieren wir ständig über einen kleinen Knopf im Ohr mit unserem Smartphone. Sollen wir uns darüber freuen? Von Sven Grest

Wer wissen will, wie wir morgen leben werden, sollte diesen Film schauen: "Her" heißt er, und mit ihm bekommt man ein gutes Gefühl dafür, wie sich unsere digitale Lebenswelt bald verändern wird. In dem Film wird Joaquin Phoenix morgens von einer Stimme in seinem Kopfhörer geweckt. "Du hast in zehn Minuten einen Termin", sagt Scarlett Johansson. "Beeil dich."

Jeden Morgen werden heute Millionen Menschen durch ihr Smartphone geweckt. Für viele von ihnen geht der erste Blick aufs Display: Facebook, E-Mails, Whatsapp checken. Doch schon bald werden wir das nicht mehr brauchen. Sprachassistenz-Systeme sind dabei, die Kommunikation mit unserem Smartphone zu übernehmen. Und versorgen uns bereits heute über den Knopf im Ohr mit diversen Informationen: Um sich von Siri, der Sprachassistentin des iPhones, das Wetter ansagen zu lassen, reicht ein Fingertipp auf die Apple-Kopfhörer. Diese übermitteln die gesprochene Frage nach dem Wetter ans iPhone und spielen die Wettervorhersage ab. Um Musik zu hören, reicht ein Fingertipp auf die neuen Knopf-Kopfhörer von Motorola. Und mit den winzigen kabellosen Kopfhörern des Münchner Startups Bragi kann man Telefongespräche mit einem Kopfnicken annehmen. Und noch einiges mehr.

Die digitale Evolution schreitet voran. Das neue iPhone 7 wird wohl keinen separaten Audio-Ausgang mehr haben. Gerüchten zufolge könnte Apple bald selbst kabellose Kopfhörer auf den Markt bringen. Zumindest für Apple hätte der Klinkenstecker dann ausgedient.

In der Straßenbahn und bei Starbucks telefonieren viele Jugendliche längst nicht mehr mit dem Smartphone am Ohr, sondern über das Mikrofon im Lautsprecherkabel, das sie sich an den Mund halten. Sie tippen keine Whatsapp-Nachrichten mehr auf ihren Smartphones, sondern versenden Sprachnachrichten. Es sieht zwar komisch aus, augenscheinlich ins Leere zu sprechen. Aber es ist so ungemein praktisch.

Einiges spricht dafür, dass den neuen smarten Kopfhörer ein anderes Schicksal widerfährt als ihren Vorgängern. Die Google-Brille, die digitale Infos ins Sichtfeld projizieren kann, erntete zu viel Skepsis, um sich am Massenmarkt zu etablieren. Die Smartwatch, zugleich Armbanduhr und verlängertes Display des Smartphones, wurde von vielen als überflüssiges Spielzeug empfunden. Der kleine Knopf im Ohr dagegen könnte tatsächlich Begeisterung auslösen. Denn er erlöst die Generation Smartphone von ihrem Zwang, ständig auf das kleine grelle Display schauen müssen. Endlich sind Augen und Hände wieder frei für andere Dinge.

Die digitalen Vordenker im Silicon Valley wissen jedenfalls, dass ihre bisher wenig genutzten Sprachassistenz-Systeme erst mit neuen Produkten Sinn ergeben. Erfolg werden die Sprachassistenten Siri (Apple), Ok Google (Android) und Cortana (Microsoft) erst haben, wenn man zu ihrer Nutzung nicht mehr sein Smartphone an den Mund halten muss.

Kabellose Kopfhörer zu diesem Zweck gibt es bereits, wenn auch längst nicht alle den Nutzen bieten, den sie versprechen. Eine der Firmen, die die Branche aufmischen, ist das deutsche Startup Bragi. Die Münchener haben bei einem der erfolgreichsten Crowdfunding-Projekte Europas 3,4 Millionen Euro im Internet eingesammelt - anvisiert waren 260.000 Euro. Auch Amazon will den Trend nicht verschlafen: Die kleine Box "Echo", erdacht zum Aufstellen im Wohnzimmer, soll nicht nur Funktionen des Smartphones übernehmen ("Spiele Musik von Depeche Mode"), sondern auch die Elektronik im Haus steuern ("Schließe die Rolläden"). Ob das Segen oder Fluch ist, entscheiden zuerst die amerikanischen Nutzer. In Deutschland ist das Gerät noch nicht erhältlich.

Dass die digitale Evolution eine langwierige Angelegenheit ist, ließ sich dieser Tage in Köln beobachten. Dort wurden testweise Bodenampeln installiert. Durch sie sollen Fußgänger vor dem Betreten der Straße gewarnt werden, die den Blick andauernd auf das Smartphone richten. Vielleicht haben sie das ja bald nicht mehr nötig.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Die Stimme in meinem Kopf


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.