| 09.31 Uhr

Wirtschaftsnobelpreis
Die Suche nach dem perfekten Vertrag

Düsseldorf. Der Brite Oliver Hart und der Finne Bengt Holmström erhalten den Wirtschaftsnobelpreis. Ihre Forschung beschäftigt sich mit so praktischen Themen wie Manager-Boni, Selbstbeteiligungen bei Kfz-Versicherungen oder der Privatisierung. Von Maximilian Plück

Unter Ökonomen ist es schon ein Running Gag: Wie schon in den Vorjahren hat auch diesmal Adam Smith im Auftrag der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaft die neuen Wirtschaftsnobelpreisträger angerufen, um als einer der ersten mit ihnen über ihre Auszeichnung zu sprechen. Bei Adam Smith handelt es sich realistischerweise nicht um den berühmten Ökonomen ("Der Wohlstand der Nationen", 1723-1790). Sein Namensvetter ist Mitarbeiter der Presse-Abteilung Nobel-Media und dort für den Internetauftritt verantwortlich. In den vergangenen Jahren soll mancher Preisträger an einen Telefonstreich gedacht haben, als Smith sich meldete.

In diesem Jahr ereilte der Anruf zwei Herren in den frühen Morgenstunden an der US-Ostküste, genauer gesagt: im altehrwürdigen Boston. Der Finne Bengt Holmström vom Massachusetts Institute of Technology und der Brite Oliver Hart von der Harvard University werden für ihre Arbeit zur Vertragstheorie ausgezeichnet.

Beide haben versucht, ein grundsätzliches Verständnis dafür zu erzeugen, wie komplexe Verträge aufgebaut sind und sich optimieren lassen. Warum sollte eine Autoversicherung beispielsweise in ihren Vertrag eine Selbstbeteiligung aufnehmen? So hindert sie den Besitzer, zu leichtfertig mit dem Auto umzugehen. Die argumentative Grundlage für die Teilkasko-Versicherung.

Holmströms und Harts Arbeit basiert auf der sogenannten Prinzipal-Agent-Theorie. Diese beschäftigt sich - vereinfacht gesprochen - damit, dass ein Auftraggeber (Prinzipal) und ein Auftragnehmer (Agent) eine Wirtschaftsbeziehung miteinander eingehen. Beide Parteien sind daran interessiert, ihren eigenen Nutzen zu maximieren - auch zulasten der Gegenseite, denn sie können gegenläufige Anreize haben und andere Ziele verfolgen, verfügen zudem über einen unterschiedlichen Informationsstand.

Ein einfaches Beispiel: Wer mit seinem Auto in eine Werkstatt fährt und über keinen technischen Sachverstand verfügt, könnte an einen windigen Mechaniker geraten, der seinen Wissensvorsprung ausnutzt und eine überteuerte Rechnung für einen ungerechtfertigten Eingriff verlangt.

An diesem Punkt kommt Bengt Holmströms Arbeit ins Spiel. Ende der 70er-Jahre ersann der Finne einen optimalen Vertrag, mit dem das Risiko, übervorteilt zu werden, minimiert, gleichzeitig jedoch nicht der Anreiz für den Auftragnehmer geschmälert wurde. Holmström bezog sich zunächst auf leistungs-abhängige Entlohnung von Top-Managern, also Boni. Er kam dabei unter anderem zu dem Schluss, dass Manager, deren Arbeit aus Sicht der Anteilseigner schlecht zu beobachten war, vor allem mit Fixgehältern und weniger mit Boni entlohnt werden sollen. In späteren Arbeiten präzisierte der Finne, der den Blick des Praktikers während seiner Zeit als Nokia-Vorstand bekommen hatte, seine Ansätze und übertrug sie auf weitere Anwendungsfälle: auf Beschäftigte etwa, die nicht allein mit Geld entlohnt werden, sondern auch mit einer möglichen Beförderung motiviert werden können; oder auf Situationen, in denen Team-Mitglieder auf Kosten der anderen eine ruhige Kugel schieben wollen (sogenannte Free-Rider).

Oliver Harts großer Verdienst waren seine Arbeiten Mitte der 80er-Jahre. Er beschäftigte sich mit der Unvollständigkeit von Verträgen. Die Idee dabei: Der Aufwand, jede Eventualität in einem Vertrag zu erfassen, wäre gigantisch. Harts Vorschlag: Statt genau festzulegen, was die Vertragspartner bei jedem künftigen Ereignis tun sollten, müsse der Vertrag festlegen, wer das Recht habe, im Streitfall eine Entscheidung zu fällen. Darüber hinaus beschäftigte sich der Cambridge- und Princeton-Absolvent und spätere Harvard-Professor mit Fragen nach Eigentumsrechten und den Folgen von Privatisierungen und trat mehrfach als Experte im Auftrag der US-Regierung auf.

Es ist das 18. Mal, dass ein Forscher-Duo ausgezeichnet wurde. Per Strömberg, Vorsitzender des zuständigen Nobel-Vergabe-Komitees, erklärte nach der Pressekonferenz, die beiden Geehrten hätten sich am Telefon ganz besonders darüber gefreut, gemeinsam mit dem anderen ausgezeichnet worden zu sein. Tatsächlich kennen und schätzen sich Holmström und Hart schon seit Langem, haben 1987 einen gemeinsamen Aufsatz im Magazin "Advances in Economic Theory" über die Vertragstheorie verfasst.

Beide teilen sich ein Preisgeld von acht Millionen schwedischen Kronen (rund 830 000 Euro). Wofür er seinen Anteil verwenden wolle, habe er sich noch nicht überlegt, sagte Holmström: "Das ist das Letzte, worüber ich gerade nachdenke."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Wirtschaftsnobelpreis: Die Suche nach dem perfekten Vertrag


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.