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Logistik
Die unterschätzte Jobmaschine in NRW

Logistik: Die unterschätzte Jobmaschine in NRW
FOTO: Michael Reuter
Hückelhoven. Wegen Verkehr wehren sich immer wieder Städte gegen Logistikfirmen. Doch in NRW werben auch viele Städte um sie. Von Sven Bennühr

Geht es um die Ansiedlung von Logistikanlagen, kochen in manchen Gemeinden die Emotionen hoch. Flächenfresser, Lärmverursacher, Umweltverschandler - diese Schlagworte sind in den Diskussionen von Seiten der Bürger immer wieder zu hören und damit wurden solche Projekte in der Vergangenheit schnell zum Reizthema für die Kommunalpolitik. Massive Protestbewegungen wie in Dieburg, wo vor zwei Jahren 1700 Unterschriften gegen ein Reifenlager des Logistikdienstleisters Fiege gesammelt wurden, oder in Duisburg-Rheinhausen gegen die Ansiedlung eines Gefahrstofflagers sind an der Tagesordnung. Selbst renommierte Handels- und Industrieunternehmen wie Rewe oder Hugo Boss hatten mit kräftigem Gegenwind zu kämpfen, als es um den Neubau von Logistikzentren ging.

Mittlerweile scheint der Wind aber zu drehen: Immer mehr Verantwortliche in Städten und Kommunen erkennen die Notwendigkeit von Logistikansiedlungen - und sie suchen Kompromisse. Das Vorgehen der Stadtverwaltung von Rheinbach in der Voreifel könnte als Blaupause dienen. Allein 2015 hat deren Wirtschaftsförderungsgesellschaft 40 Grundstücksanfragen aus Industrie, Gewerbe, Handel und von Logistikunternehmen bearbeitet. "Wir haben verstanden, dass eine wechselseitige Abhängigkeit aller Branchen inklusive Logistik existiert", sagt Bürgermeister Stefan Raetz. "Aber auch wir haben mit Vorurteilen zu kämpfen." Um denen zu begegnen, haben die Stadtväter im Nordosten der Stadt mit direkter Anbindung an die Autobahn und weg von der Wohnbebauung ihr neues Gewerbegebiet geplant. "Dadurch wird der Schwerverkehr aus der Stadt herausgehalten. Wir sichern uns die Zustimmung der Bevölkerung", fasst Raetz zusammen.

Auch eine transparente und offene Informationspolitik ist neben guter Planung wichtig. "Die Bürger müssen die Gewissheit haben, dass ihre Nöte ernst genommen werden", sagt Jürgen Steinmetz, Geschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein.

Eine große Aufgabe für die Kommunen am Niederrhein, wo es zurzeit darum geht, fünf weitere, sogenannte Premiumflächen für die Ansiedlung von Industrie, Transport und Logistik zu entwickeln - eine Notwendigkeit, denn die bisherigen Kapazitäten sind ausgereizt.

Anders sieht es in Gemeinden aus, denen der Strukturwandel in den letzten Jahrzehnten schwer zu schaffen gemacht hat: Hier muss gegenüber der Bevölkerung nicht lange argumentiert werden, hier zählen Arbeitsplätze mehr als die Sorge vor Lärm und Verkehr.

Beispiel Bochum: Die Stadt wirbt heftig darum, dass die Post auf dem früheren Opel-Gelände ein Paketzentrum aufbaut.

Beispiel Hückelhoven: Die Stadt im Aachener Steinkohlerevier hatte nach der Schließung der Zeche Sophia Jacoba im Jahr 1997 eine Arbeitslosenquote von zwölf Prozent. Mittlerweile ist die Quote auf rund sieben Prozent gesunken, nicht zuletzt durch die Ansiedlung des Teleshopping-Unternehmens QVC und - ganz aktuell - die Eröffnung eines Distributionszentrums des Online-Händlers Jago. Allein QVC beschäftigt 1300 Mitarbeiter und Jago will bis 2018 rund 800 neue Arbeitsplätze schaffen. Hinzu werden vermutlich weitere Arbeitsplätze bei dem Transportdienstleister Hermes kommen, der in Hückelhoven eine Hauptumschlagbasis unterhält.

"Wenn man möchte, dass sich E-Commerce-Unternehmen ansiedeln, dann gehört die Logistik dazu", sagt Hückelhovens Bürgermeister Bernd Jansen. Und es geht um Infrastruktur: Im Strukturwandel befindliche Städte und Gemeinden konkurrieren um die Gunst logistikgetriebener Unternehmen, da zählen Faktoren wie die Anbindung an Autobahn, Schienennetz und Binnenwasserstraße genauso wie das Angebot von Arbeitskräften.

Doch in Gemeinden, die weniger auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze angewiesen sind, geht es auch darum, welchen anderen Nutzen eine Logistikansiedlung bieten kann.

Hier fällt oft das Stichwort Revitalisierung, sprich die Sanierung und Umwidmung von Industriebrachen. Dabei geht es nicht allein darum, die Gebäude abzureißen und durch Logistikhallen zu ersetzen, gleichzeitig müssen sich die neuen Nutzer auch darum kümmern, eventuelle Altlasten im Boden zu beseitigen. Das hat einen doppelten Effekt: Es werden keine neuen Flächen versiegelt und Umweltschäden werden beseitigt, ohne dass die Gemeinde dafür aufkommen muss.

Quelle: RP
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