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Frankfurt
Die verlorene Ehre der Deutschen Bank

Frankfurt. Bei der Abschiedsvorstellung von Co-Chef Jürgen Fitschen müssen sich Vorstand und Aufsichtsrat heftige Kritik von den Anteilseignern gefallen lassen. Aktionärsvertreter sprechen von einem Sanierungsfall. Die Bank verliert an Bedeutung. Von Georg Winters

Paul Achleitner wirkt zu Beginn dieser Hauptversammlung angespannt, so angespannt wie nie in seiner fast vierjährigen Amtszeit als Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Der Streit im Kontrollgremium, der jüngst in dem Rücktritt von Skandal-Chefaufklärer Georg Thoma gipfelte, hat ihm zugesetzt, ohne Zweifel. Aber er will auf jeden Fall weitermachen.

Umso mehr dürfte ihn der Beifall der Aktionäre schmerzen in dem Moment, als Achleitner richtigerweise vermutet, Teile der Eigentümer würden dem Aufsichtsrat zu spätes Eingreifen in der Krise und zu langes Festhalten an einzelnen Vorständen vorwerfen. Ja, das tun sie. Und sie würden Achleitner vermutlich auch gern in die Wüste schicken, aber dessen Job steht in diesem Jahr nicht zur Disposition. Erst 2017 läuft seine Amtszeit aus, er würde sich wieder stellen, sagt Achleitner. Kein Beifall. Auch nicht für seine Rechtfertigung, man habe erst eine neue Strategie gebraucht, ehe man Veränderungen im Vorstand habe vornehmen können: "Eine Strategie ist kein Lego-Baukastensystem für das Management."

Den Applaus, der Achleitner verweigert wird, heimst der Mann ein, dessen Ära bei der Deutschen Bank an diesem Tag zu Ende geht. Co-Chef Jürgen Fitschen, über den Achleitner sagt, einen wie ihn gebe es kein zweites Mal, verabschiedet sich mit dem Ende der Hauptversammlung von der großen Bühne. Er berät die Bank weiterhin, aber er steht nicht mehr im Rampenlicht, der Mann, der mehr als drei Jahrzehnte für die Deutsche Bank gearbeitet hat.

Achleitner stellt ihn in eine Reihe mit Deutsche-Bank-Größen wie Friedrich Wilhelm Christians und Wilfried Guth. Niemand spricht von Hilmar Kopper oder Rolf Breuer, erst recht nicht von Josef Ackermann. Der gilt offensichtlich Achleitner und anderen als eine Keimzelle der Probleme, die die Deutsche Bank heute mit sich herumschleppt. 2012, dem Jahr von Ackermanns Abschied als Vorstandschef, sei die Bank unterkapitalisiert gewesen, viel zu abhängig vom Investmentbanking, zu abhängig von einzelnen Personen. Damit meint er natürlich auch Anshu Jain, den Ex-Co-Chef, das einstige Wunderkind, das im vergangenen Jahr seinen Stuhl räumen musste - angeblich auch auf Druck der Bafin.

Das vorzeitige Aus ist Fitschen erspart geblieben. Aber dass Aktionärsvertreter wie der Fondsmanager Ingo Speich und Hans-Christoph Hirt davon reden, die Deutsche Bank sei ein Sanierungsfall und müsse restrukturiert werden, geht auch an die Adresse Fitschens, der die Altlasten nicht schnell genug bewältigte. Fast sieben Milliarden Euro Verlust hat die Bank 2015 gemacht, vor allem wegen Rückstellungen für juristische Streitigkeiten und Abschreibungen auf Firmenwerte. Das ist nicht allein das Werk der Investmentbanker, das weiß auch der scheidende Fitschen.

Aber er genießt den Applaus - genauso wie John Cryan, jetzt alleiniger Vorstandschef, der seinen Vetrauensvorschuss nutzen muss, um die Reputation der Bank aufzubessern. Von mehr Ehrlichkeit und Vertrauen spricht Cryan, und in der Tat geht es auch darum, die verlorene Ehre zurückzugewinnen.

Und den Bedeutungsverlust aufzufangen. Früher, da sind sich die Experten einig, war die Deutsche Bank ein Pfeiler der deutschen Wirtschaft, ein Phänomen, an dem man sich reiben konnte, ein Koloss, der polarisierte wie der FC Bayern im Fußball. Jetzt ist die Bank vielen egal, jedes neue Problem wird von einer breiten Öffentlichkeit nur noch als weiteres Steinchen in einem großen Skandal-Mosaik empfunden.

Diese Öffentlichkeit begreift Cryan als Sanierer und Aufräumer. Zu sehr reduziert fühlt sich der Brite in dieser Betrachtung. Aber er ist nun mal der Sparkommissar, der Tausende Stellen abbauen, Filialen schließen, das Investmentbanking stutzen muss. Das alles dient vor allem dem Bemühen, den Aktienkurs wieder hochzutreiben. Der ist auch gestern nach Cryans Ankündigungen um mehr als drei Prozent gestiegen, aber die Deutsche Bank ist an der Börse immer noch nur halb so viel wert wie vor vier Jahren. Dass sie einmal ein Übernahmekandidat werden könnte, wäre früher undenkbar gewesen.

Quelle: RP
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