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Düsseldorf
Diebstahl kostet Handel drei Milliarden Euro

Düsseldorf. Die Unternehmen rechnen damit, in den kommenden Jahren häufiger Opfer organisierter Banden zu werden. Von Maximilian Plück

Um den Schaden zu ermessen, den Ladendiebe Jahr für Jahr anrichten, hilft ein kleines Gedankenexperiment: Würde man den Wert aller gestohlenen Güter auf alle Deutschen umrechnen, müsste jeder Bürger pro Jahr Waren im Wert von 26 Euro stehlen. Anders gerechnet: Jeder 200. Einkaufswagen würde an den Kassen vorbeigeschoben, ohne dass der Kunde dafür bezahlt.

Diese Zahlen gehen aus der aktuellen Inventurdifferenz-Studie des EHI Retail Institutes in Köln hervor. Demnach belief sich der Schaden für den Einzelhandel im vergangenen Jahr auf 3,3 Milliarden Euro. Am stärksten betroffen sind in den Einzelsparten die Drogeriemärkte, denen durchschnittlich 0,78 Prozent des Umsatzes verloren gingen. Auf Platz zwei folgen die Baumärkte mit 0,62 Prozent, auf Platz drei die SB-Warenhäuser mit 0,61 Prozent. Am wenigsten betroffen sind Getränkemärkte mit 0,22 Prozent. "Was sich gut verkauft, wird auch oft geklaut", sagt Frank Horst, Leiter des zuständigen EHI-Forschungsbereichs. Im Bekleidungshandel sind das beispielsweise hochwertige Markenartikel.

"Ladendiebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Wir plädieren deshalb dafür, dass der Gesetzgeber eine Geringwertigkeitsgrenze von 25 Euro einzieht", forderte ein Sprecher des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Demnach sollen Delikte, die über dieser Grenze liegen, konsequent verfolgt werden. Derzeit liegt es im Ermessen der Gerichte, ob sie ein Verfahren gegen einen Ladendieb einstellen - und das geschieht nach Angaben des HDE durchaus oft bei Verfahren mit höherem Wert. "Das führt in der Praxis dazu, dass viele Geschäftsinhaber Diebstähle überhaupt nicht mehr anzeigen", so der HDE-Sprecher. Tatsächlich zeigen die Daten des EHI eine deutliche Zurückhaltung, wenn es um das Anzeigen von Straftaten geht: Täglich werden mehr als 85 000 Ladendiebstähle mit einem Wert von jeweils rund 80 Euro nicht angezeigt. Für das vergangene Jahr bedeutet dies, dass rund 26 Millionen Ladendiebstähle ohne Anzeige blieben, gerade einmal rund 365 000 Fälle wurden der Polizei gemeldet (2,6 Prozent mehr als im Vorjahr). Die Beamten klagen ihrerseits über zu hohe Belastungen. Ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei in NRW forderte deshalb, bei einfachen Ladendiebstählen auf aufwendige Ermittlungen zu verzichten und nur noch Bußgelder zu verhängen. Das lehnt der HDE ab. "Ein Verfahren nach dem Motto ,Lasst die Kleinen laufen' ist für uns nicht der richtige Weg. Wir benötigen eine Abschreckung", so der Sprecher.

Doch wie können sich die Geschäfte gegen die Diebe schützen? Schon heute geben die Unternehmen im Jahr 0,3 Prozent ihres Umsatzes - also 1,3 Milliarden Euro - für die Sicherung ihrer Waren aus. "Einige Filialen sind beispielsweise dazu übergegangen, teure Alkoholika in Schränken einzuschließen", erklärt der HDE-Sprecher. Das Mehr an Sicherheit hat allerdings einen Nachteil: "Dadurch steigt die Hemmschwelle zum Kauf enorm, weil der Kunde sich den Schrank erst von einem Mitarbeiter aufschließen lassen muss." Die vom EHI befragten Handelsunternehmen setzen bei der Frage nach den für dieses Jahr geplanten Schutzmaßnahmen in erster Linie auf Mitarbeiterschulungen und Warensicherungssysteme wie Chips.

Allerdings sind letztere nach Ansicht des Handelsverbands nur begrenzt wirksam: "Mit Chips in der Ware stoppt man keine Banden. Die Täter stürmen inzwischen oft zu mehreren in den Laden, räumen ganze Regale aus und fahren mit quietschenden Reifen wieder ab", sagt der Sprecher. Der sogenannte organisierte Ladendiebstahl ist das mit Abstand größte Problem des Handels. Auf einen Schlag entsteht den Geschäften dadurch ein immenser Schaden. Kein befragtes Unternehmen rechnet damit, dass diese Form der Kriminalität in den kommenden Jahren zurückgeht.

Quelle: RP
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