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Düsseldorf
Diese Tarifkonflikte drohen 2016

Düsseldorf. Es geht um höhere Löhne für zwölf Millionen Beschäftigte - unter anderem bei den Metallern, im öffentlichen Dienst und in der Chemie. Von Maximilian Plück

Das streikreichste Jahr ist gerade vorbei, da werfen bereits die nächsten Auseinandersetzungen ihre Schatten voraus. Nach Angaben des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung werden in den kommenden Monaten Gehaltsverhandlungen für rund zwölf Millionen Beschäftigte geführt. Ein Überblick über die wichtigsten Konflikte:

Bund und Kommunen Im öffentlichen Dienst wechseln sich Jahr für Jahr Tarifverhandlungen bei den Ländern einerseits sowie Bund und Kommunen andererseits ab. Letztere sind ab Ende Februar an der Reihe. 2,4 Millionen Tarifbeschäftigte beschäftigen der Bund und die Kommunen insgesamt. In diesem Bereich sind die Gewerkschaften extrem schlagkräftig. Das liegt nicht nur am guten Organisationsgrad, sondern auch an den Folgen, die schon ein Warnstreik mit sich bringen kann: Wenn sich der Müll vor der Haustür türmt, spürt das der Bürger schneller, als wenn seine Steuererklärung länger liegenbleibt. 2016 hat die Tarifrunde im öffentlichen Dienst allerdings eine zusätzliche Brisanz: Schon im vergangenen Jahr mussten die Kommunen ihren Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst deutlich mehr Geld zahlen. Verdi und Co. hatten außer der Reihe eine Sondertarifrunde durchgesetzt, indem sie mit massiven Streiks eine höhere Eingruppierung von Erzieherinnen und Sozialarbeitern erzwangen. Das dürfte die ohnehin klammen Kommunen nur noch unnachgiebiger machen.

Metall- und Elektroindustrie In der größten deutschen Branche mit 3,5 Millionen Beschäftigten deutet alles auf eine reine Lohntarifrunde hin, sogenannte Qualitative Themen - etwa Verbesserungen für Werkvertragsnehmer oder bessere Arbeitszeitmodelle für die Stammbelegschaft - spart sich die Gewerkschaft noch auf. Trotzdem könnte es konfliktreich zur Sache gehen, denn in der Metall- und Elektroindustrie bietet sich ein recht heterogenes Bild: Während es in der Automobilbranche einigermaßen rosig läuft, schwächeln andere Sektoren wie etwa das Energiesegment aufgrund des niedrigen Ölpreises. Einen Flächentarifvertrag hinzubekommen, der beiden Seiten der Medaille gerecht wird, ist die große Herausforderung. Der geltende Tarifvertrag läuft noch bis Ende März.

Volkswagen Die Tarifrunde beim Autobauer beginnt im Frühjahr, läuft der Tarifvertrag doch Ende Mai aus. Die Gespräche werden ganz im Zeichen des Abgasskandals stehen. VW-Chef Matthias Müller hatte bereits die Boni kassiert und angedeutet, dass es auch die Tarifbeschäftigten treffen könnte. Eine gänzlich neue Situation für die erfolgsverwöhnten VW-Mitarbeiter. Deren Tarifbedingungen liegen in der Regel deutlich über dem Metall- und Elektro-Flächentarifvertrag.

Baugewerbe Eine der Branchen, die gerade Aufwind durch die Flüchtlingskrise bekommt, ist die Immobilienbranche. Doch auch die niedrigen Zinsen heizen die Bautätigkeit an. Gleich für mehrere Berufsgruppen wird verhandelt. Die Verträge für das Bauhauptgewerbe und die Maler- und Lackierer laufen Ende April aus, der im Dachdeckerhandwerk Ende Juli.

Lufthansa Während sich Verdi beim Bodenpersonal mit dem Konzern schon 2015 einig wurde, schwelt der Konflikt mit den Flugbegleitern und den Piloten weiter. Insbesondere der Streit um die Übergangsversorgung ist ungeklärt. Allerdings haben sich die Tarifparteien darauf geeinigt, die größten Streitigkeiten hinter verschlossenen Türen auszufechten. Eine Garantie dafür, dass die Gewerkschaften Vereinigung Cockpit und die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation auf Arbeitskämpfe verzichten werden, ist das allerdings nicht.

Amazon Der Konflikt beim Onlineversandhändler reißt nicht ab. Die Gewerkschaft fordert Löhne wie im Einzel- und Versandhandel. Der Konzern sieht sich selbst aber als Logistikunternehmen - in dieser Branche liegen die Gehälter niedriger. Verdi dürfte - schon um nicht das Gesicht zu verlieren - den Konflikt weiter treiben und das Bild vom "bösen Arbeitgeber Amazon" weiter transportieren. Wenn es der Gewerkschaft gelingt, genügend Mitarbeiter zu organisieren und den Imageschaden weiter zu forcieren, dürfte Amazon die Blockade auf Dauer schwer fallen.

Deutsche Bahn Vielen sind die massiven Lokführer-Streiks aus dem abgelaufenen Jahr noch in Erinnerung. Und doch steht ab Herbst auch bei der Deutschen Bahn wieder eine neue Tarifauseinandersetzung ins Haus - und zwar unter den gleichen Vorzeichen. Denn wieder verhandeln die Gewerkschaft Deutrscher Lokomotivführer (GDL) und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft zugleich. Und wieder dürfte die Bahn das Ziel haben, inhaltsgleiche Verträge abzuschließen, um so ein Tarif-Wirrwarr im eigenen Haus zu vermeiden. Da die Gewerkschaften aber eine jeweils eigene Agenda verfolgen, könnte es wieder knallen, Streiks inklusive. Die Tarifverträge beider Gewerkschaften laufen Ende September aus.

Chemische Industrie Der zweitgrößte Industriezweig mit seinen rund 230.000 Beschäftigten ist im Sommer dran. Chemie-Tarifrunden gehen in Deutschland n der Regel lautlos vonstatten. Keine andere Branche ist derart konsensorientiert. Ökonomen werden besonders genau hinschauen, gilt die Branche doch als Frühindikator für die Konjunktur.

Zeitarbeit Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist in erster Linie das politische Sprachrohr seiner Mitgliedsgewerkschaften. Es gibt jedoch eine Ausnahme: die Zeitarbeit. Mit den beiden großen Verbänden BAP und IGZ verhandelt der DGB ab Ende des Jahres über den Mindestlohn in der Branche.

Quelle: RP
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