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12.000 Euro im Jahr
Berliner verlost bedingungsloses Grundeinkommen

Ein Berliner verlost bedingungsloses Grundeinkommen
Auf seiner Website mein-grundeinkommen.de erklärt Michael Bohmeyer seine Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen. FOTO: Screenshot mein-grundeinkommen.de
Berlin. Ein junger Mann aus Berlin sammelt per Crowdfunding Geld, um eine soziale Vision in die Tat umzusetzen: Per Losentscheid will er einem Freiwilligen ein Jahr lang 1000 Euro im Monat zur Verfügung stellen. Das Experiment soll zeigen, was das Konzept eines bedingungslosen Grundeinkommens tatsächlich leisten kann. Von Philipp Stempel

Michael Bohmeyer ist 29 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter und voller Zuversicht. Seit Anfang Juli sammelt er im Netz über eine Crowdfunding-Kampagne Geld für ein soziales Experiment. 12.000 Euro sollen zusammenkommen, dann hat er genug beisammen, um es starten zu lassen: 1000 Euro monatlich will er für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu Verfügung stellen.

Den Begriff "bedingungslos" nimmt er dabei wörtlich: Jeder soll sich dafür bewerben können, Auflagen gibt es keine, am Ende entscheidet das Los. Selbst eine Beteiligung an der Finanzierung oder ein Konzept, wie der Bewerber denn wohl sein Einkommen nutzen möchte, setzt Bohmeyer nicht voraus.

Vision eines menschlichen Arbeitslebens

Das muss wohl auch so sein. Denn Vertrauen ist typisch für die Idee, die dem bedingungslosen Grundeinkommen zugrunde liegt: Sie setzt darauf, dass jeder Mensch aus sich heraus produktiv werden, also arbeiten will. Ein staatlich finanziertes, gleiches Grundeinkommen für jeden soll den Menschen die Freiheit geben, ihre Schaffenskraft auszuleben.

Am Ende – so die Überzeugung der Befürworter – profitiere von dem individuellen Engagement von vielen die ganze Gesellschaft. Kritiker mit einem pessimistischeren Menschenbild gehen hingegen davon aus, dass das Grundeinkommen schlichtweg faul macht.

Neue Kräfte durch finanzielle Freiheit

In Deutschland hat das Konzept vor allem der Unternehmer und dm-Gründer Götz Werner populär gemacht, politisch fand es vor allem bei den Piraten Unterstützung. Bei den etablierten Parteien fand ein bedingungsloses Grundeinkommen hingegen keine Unterstützung. Der politische Stillstand war es, der Bohmeyer letztlich veranlasste, sein Projekt auf die Beine zu stellen.

Er nämlich zeigt sich davon überzeugt, dass 1000 Euro im Monat, bedingungslos zur freien Verfügung gestellt, neue Kräfte freisetzen. Er liebe Arbeit, erzählte er der Berliner taz. Beim Grundeinkommen aber gehe es ihm zunächst darum, den Zwang zur Arbeit abzuschaffen.

Ein Jahr lang ausprobieren, was passiert

Antrieb erfährt er vor allem durch seine eigenen Erfahrungen. Wie er in einem Youtube-Video verrät, erlebt er seit einem halben Jahr nämlich, wie es sich anfühlt, einmal im Monat einen festen Betrag zu bekommen, ohne Gegenleitungen erbringen zu müssen. Sein Leben habe sich seitdem spektakulär verändert. Sein Grundeinkommen bezieht er laut taz als ehemaliger Teilhaber zweier Internet-Startups.

Nun fragt Bohmeyer: Was würdet Ihr mit 1000 Euro monatlich anstellen? Verreisen? Mehr Zeit mit Freunden verbringen oder auch etwas ganz anderes? Er wünsche sich, dass eine Person es ein Jahr lang ausprobieren könne. Denn in jedem, so sagt Bohmeyer in seinem mit niedlicher Glöckchen-Musik unterlegtem Video, schlummerten großartige Potenziale.

Dazu nutzt Bohmeyer gekonnt alle Spielarten des Internets und begleitet sein Projekt auf Blog, Facebook, Twitter und seiner Internetseite mein-grundeinkommen.de. Der Zuspruch ist durchaus spürbar: Seit dem Beginn des Crowdfundings am 2. Juli hat er bereits mehr als 75 Prozent der Summe beisammen. Am 22. Juli steht der Zähler bei 9166 Euro, 12.000 werden benötigt und die Aktion läuft noch bis Mitte September.

So freundlich und idealistisch Bohmeyer in seinen Auftritten im Netz daherkommt, wünscht man sich unwillkürlich, dass sein Traum sich tatsächlich bewahrheitet. Sobald er das Geld zusammenbekommen hat, will er auf seiner Website eine Community eröffnen, die die Ideen all derer sammelt, die sich für das Grundeinkommen interessieren, "Lasst uns herausfinden, welche Träume und Wünsche in den Menschen schlummern!", lautet sein Appell. "Was würde passieren, wenn es plötzlich ein Grundeinkommen gäbe? Probieren wir es aus!"

Einen Bonbonladen aufmachen

Eine erste Vorstellung davon liefern die fantasievollen Vorschläge einiger Nutzer auf Bohmeyers Facebookseite, die dort schilderten, wie sie ihre Zeit mit einem Grundeinkommen nutzen würden. "Meine Doktorarbeit fertig schreiben. Einen Bonbonladen aufmachen. Und das Sexualkundecurriculum reformieren", heißt es da unter anderem. Oder auch einfach: "Atmen, Leben, Lieben, Arbeiten."

Hier kann man sich am Crowdfunding für Bohmeyers Projekt beteiligen. 

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