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Gastbeitrag Kurt Von Storch
Ein Brexit kennt fast nur Verlierer

Die Diskussion um den möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zeigt, wie fragil der Staatenbund ist. Die Nachteile überwiegen die Vorteile bei weitem. Ein Brexit würde vor allem der britischen Wirtschaft schaden.

In den vergangenen Wochen bin ich oft von Kunden gefragt worden, ob die Briten sich tatsächlich aus der EU verabschieden werden. Ich weiß es nicht. Knapp dürfte es in jedem Falle werden.

Möglicherweise entscheidet das Wetter über den Ausgang - das vermuten zumindest britische Medien. Scheint die Sonne, steigen die Chance, dass die Briten nein sagen zur EU. Ist das Wetter dagegen typisch britisch, also regnerisch trist, könnte am Ende der Abstimmung der Verbleib stehen. Erklärt wird dieser Zusammenhang mit der Altersstruktur der Abstimmenden. Die Mehrzahl der Brexit-Gegner ist demnach jüngeren Jahrgangs und bei sonnigem Wetter eher in freier Natur oder in Pubs unterwegs als im Wahllokal. Der Weg für die EU-Gegner, überwiegend ältere Semester, wäre frei, weil die sich nicht von den Verlockungen eines sonnigen Tages ablenken ließen.

Gehen wir besser davon aus, es nicht zu wissen. Was wir tun können: überlegen, welche Auswirkungen ein möglicher Brexit hätte. Für die Briten - und für Europa. Die Brexit-Befürworter können für sich verbuchen, dass die EU-Zahlungen wegfielen. Rund 11,5 Milliarden Euro sind das im Jahr - gemessen am Staatshaushalt nicht allzu viel. Nichtsdestotrotz trifft das Argument die nationalen Befindlichkeiten - und wird deshalb gern angeführt, um Stimmung zu machen. Gewichtiger dürfte der Umstand sein, dass unzählige EU-Regularien im Falle eines Brexit entfielen.

Die Nachteile wögen unseres Erachtens jedoch deutlich schwerer. Neue Zölle dürften die Briten belasten. Es wäre naiv zu glauben, die EU würde sie nach einem Austritt bevorzugt behandeln. Der Zugang zum Binnenmarkt würde erschwert. London ist zudem einer der wichtigsten Börsenplätze der Welt. Ein Brexit hätte zweifellos negative Auswirkungen auf den Finanzstandort. Nicht umsonst sind in Frankfurt derzeit viele Immobilien-Makler unterwegs, die auf einen Brexit hoffen. Mainhattan könnte profitieren.

Aus Sicht der EU ist das Kräfteverhältnis der Argumente noch ungleicher verteilt; im Grunde genommen gibt es nichts oder nur wenig Positives, das sich einem Brexit abgewinnen ließe. Mit Wohlwollen könnte man anführen, dass - sollte ein Mitglied ausscheiden - die Entscheidungsprozesse innerhalb der Union einfacher würden. Stichhaltig ist das Argument bei einer Gesamtzahl von 28 Mitgliedern aber nicht. Die Nachteile dagegen sind gravierend. Die politische Bedeutung der EU würde schwinden, sollte ein Land wie Großbritannien ausscheren. Außerdem könnten die Briten, so sich der Ausstieg positiv für sie auswirkt, als Vorbild taugen. Es könnte der Anfang vom Ende der EU in ihrer jetzigen Form sein. Die Frage, welchen Mehrwert die Union ihren Mitgliedern bietet, wurde in den vergangenen Jahrzehnten jedenfalls noch nie so häufig gestellt wie dieser Tage.

Was ein Brexit für die Kapitalmärkte bedeuten würde, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Womöglich ist ein Teil der Risiken bereits eingepreist. Wahrscheinlicher erscheint uns jedoch, dass es, sollten die Briten tatsächlich aussteigen, kurzzeitig zu kräftigeren Kursschwankungen kommt, insbesondere am Devisenmarkt. Da langfristig die politischen Auswirkungen größer sein dürften als die ökonomischen, könnten sich zeitweise attraktive Anlagegelegenheiten für Investoren ergeben.

Nichtsdestotrotz zeigt die Brexit-Diskussion einmal mehr deutlich, wie zerbrechlich das Gebilde EU ist. Anleger täten daher generell gut daran, einen Teil ihres Vermögens außerhalb Europas zu investieren.

DER AUTOR IST GRÜNDER UND VORSTAND DER FLOSSBACH VON STORCH AG

Quelle: RP
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