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Düsseldorf
Ergo streicht 1835 Stellen in Deutschland

Düsseldorf. Beim Versicherungskonzern fällt auf dem Heimatmarkt bis 2020 unter dem Strich jeder achte Job weg. Vorstandschef Markus Rieß will den Konzern schlanker, effizienter und digitaler machen. Im Digitalgeschäft soll es 565 neue Jobs geben. Von Georg Winters

Wenn es um Stellenabbau in einem Unternehmen geht, sind die Sichtweisen und damit die Formulierungen von Managern auf der einen und Arbeitnehmer-Vertretern auf der anderen Seite naturgemäß extrem verschieden. Der geplante Abbau von 2400 der in Deutschland vorhandenen 14.300 Vollzeitstellen beim Düsseldorfer Versicherungskonzern Ergo ist für den seit September amtierenden Konzernchef Markus Rieß ein Programm, "das weh tut, das aber nötig ist, wenn wir ein Kostenniveau erreichen wollen, mit dem wir im Wettbewerb mitspielen können". "Brutales Programm" lautet die Formulierung von Frank Fassin, Landesfachbereichsleiter bei der Gewerkschaft Verdi. Der Umfang des Abbaus sei "überraschend hoch".

Die Einschätzung wird auch nicht dadurch milder, dass dem Abbau an anderer Stelle ein Aufbau von 565 Stellen gegenübersteht, der dafür sorgt, dass unter dem Strich "nur" 1835 Jobs wegfallen. Die neuen Arbeitsplätze dürften vor allem im Digitalgeschäft entstehen.

Wie immer in solchen Fällen soll der Personalabbau sozialverträglich erfolgen. Das heißt: Ergo will so weit wie möglich Kündigungen vermeiden und hofft darauf, dass Mitarbeiter freiwillig das Unternehmen verlassen - beispielsweise als Vorruheständler oder weil ihnen die von Ergo angebotene Abfindung attraktiv erscheint. Das alles kostet natürlich viel Geld. Allein 200 Millionen Euro Restrukturierungsaufwand veranschlagen Rieß und sein Finanzvorstand Christoph Jurecka für das laufende Jahr. Dem gegenüber stehen geplante Kosteneinsparungen von rund 540 Millionen Euro pro Jahr ab 2020.

Schon viel früher soll der Versicherer wieder nachhaltig profitabel sein. Dieses Jahr dürfte das Unternehmen allerdings wegen der Umbaukosten wie 2015 rote Zahlen schreiben (im vergangenen Jahr betrug der Verlust etwa 227 Millionen Euro), aber ab 2017 sieht Rieß den Konzern in der Gewinnzone. Das Langfrist-Ziel: mehr als 500 Millionen Euro Nettogewinn ab 2021.

Der Stellenabbau ist indes nur ein Aspekt der Veränderungswelle, die durch den Konzern schwappt. Einschließlich der Aufwendungen für die Personalveränderungen will Ergo bis 2020 rund eine Milliarde Euro investieren. Große Teile davon gehen in das Mainstream-Thema Digitalisierung, in die 565 Mitarbeiter, die dafür zu rekrutieren sind (ein Teil davon könnte auch aus den eigenen Reihen kommen), in die Computertechnik. In dem Bereich sucht Ergo auch einen Partner - vermutlich nicht aus dem Versicherungsgeschäft, eher aus dem Fintech-Bereich.

Für die klassische Lebensversicherung hat Rieß das Ende eingeläutet. Neugeschäft in dem Bereich soll es künftig nur noch mit fondsgebundenen Policen, mit Risikoverträgen und mit kapitalmarktnahen Produkten geben. Das heißt: Der Altbestand wird abgewickelt - von etwa 1000 Mitarbeitern an den Standorten Düsseldorf und Hamburg, die eine Beschäftigungsgarantie bis 2021 haben. Was danach passiert, bleibt vorerst offen.

Am Ergo-Slogan "Versichern heißt verstehen" will Rieß festhalten. Dieser war ausgerechnet in der Zeit entstanden, als die 2007 veranstaltete berühmt-berüchtigte Lust-reise nach Budapest öffentlich bekannt wurde. Die wiederum hat vermutlich ab dem 14. Juli ein gerichtliches Nachspiel. Vor Gericht verantworten müssen sich dann ein ehemaliger Mitarbeiter der damaligen Vertriebsorganisation HMI wegen des Verdachts auf Untreue in einem besonders schweren Fall, und ein Mitgeschäftsführer einer Event-agentur, dem Beihilfe zur Untreue vorgeworfen wird. Sie sollen vor neun Jahren in Budapest eine Party mit Prostituierten für Versicherungsvertreter organisiert und Ergo um 52.000 Euro geschädigt haben.

Quelle: RP
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