Pannenserie im Atomkraftwerk Forsmark: Experten: Schwerster Störfall in der Geschichte Schwedens
zuletzt aktualisiert: 24.08.2006 - 18:36München (rpo). Der Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark war offenbar noch schwerer als bisher vermutet. Ein Prüfbericht kommt zu dem Ergebnis, dass es in dem Kraftwerk eine ganze Reihe von Pannen gab. Experten zufolge handelt es sich um den schlimmsten Störfall in der schwedischen Geschichte.
Zwei der vier unabhängigen Sicherheitssysteme hätten bei dem Störfall Ende Juli versagt, sagte der Vorsitzende des Expertenbeirats bei der Behörde für Reaktorsicherheit, Björn Karlsson, am Donnerstag im schwedischen Rundfunk.
Auch einem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) zufolge war der Störfall gravierender als bisher vermutet, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Demnach lag in dem Reaktor nicht allein eine Panne bei der Notstromversorgung vor. Vielmehr habe eine ganze Reihe von Fehlern dazu geführt, dass die Notstromaggregate in Betrieb gehen mussten.
Karlsson sagte dem schwedischen Rundfunk, angesichts der bisherigen Untersuchungsergebnisse müsse der Ausfall der dieselbetriebenen Kühlsysteme als der "schwerste Störfall" in der schwedischen Atomindustrie gewertet werden. Ein Behördensprecher kündigte an, noch im Laufe des Jahres einen Bericht zum Hergang des Unfalls zu veröffentlichen. Der Störfall war offenbar durch einen Kurzschluss entstanden. Als Reaktion auf den Vorfall in Forsmark stellte die Reaktorbehörde die Arbeit in drei weiteren der zehn schwedischen Kernkraftwerke ein. Schweden gewinnt etwa die Hälfte seines Stroms aus Atomkraftwerken.
Zu späte Trennung vom Netz
In dem Bericht der GRS heißt es, nach dem Kurzschluss sei der Reaktor in Forsmark "später als vorgesehen" vom Netz getrennt worden. Anschließend seien beide Turbinen ausgefallen - die eine möglicherweise wegen mangelnder Ölversorgung, die andere aus "bislang nicht bekannter Ursache". Um den Reaktor dennoch mit Strom zu versorgen, sollte demnach zunächst ein Reservestromnetz angezapft werden. Erst als das misslang, sollten Dieselgeneratoren die Notstromversorgung übernehmen. Hier aber fielen dem Bericht zufolge die Wechselrichter bei zwei von vier Generatoren aus - und legten die Überwachungswarte lahm.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erklärte, in Schweden mehrten sich die Anzeichen dafür, dass für den schweren Störfall im Atomkraftwerk Forsmark eine ganze Fehlerkette verantwortlich war. Die DUH hatte bereits in der vergangenen Woche eine Studie vorgelegt, derzufolge auch die Notstromversorgung des Kernkraftwerks Brunsbüttel vor einem ähnlichen Störfall nicht gefeit sei. Eine Sondersitzung des Umweltausschusses, wie ihn die Grünen daraufhin verlangt hatten, war von den Koalitionsfraktionen abgelehnt worden.
Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nannte dies "einen Skandal", wie die "Süddeutsche Zeitung" weiter berichtet. Dagegen erklärte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD): "Wenn die Grünen Informationsbedarf zu Forsmark und Brunsbüttel haben, mögen sie sich bei mir melden." Dazu bedürfe es keiner aufwändigen Sondersitzung in den Parlamentsferien. Künast warf dem Minister darauf hin vor, er habe "ein merkwürdiges Parlamentsverständnis". Sie drängte ebenso wie die DUH auf weitere Aufklärung auch in Deutschland.
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