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Schwierige Lage an Krankenhäusern: 4000 Klinikärzte sind Zeitarbeiter

VON KATHARINA FRICK UND JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 03.01.2012 - 02:30

Düsseldorf (RP). Deutschen Kliniken mangelt es an ärztlichem Personal. 3800 Stellen konnten 2011 nicht dauerhaft besetzt werden. Damit der Ablauf trotzdem klappt, stellen Krankenhäuser Honorarärzte auf Zeit ein. Derweil bereiten sich festangestellte Mediziner an kommunalen Kliniken auf einen Streik vor.

Narkose-Vorgespräche mit Patienten führen, Formulare ausfüllen und im Operationssaal unterstützen: Das ist der Alltag von vielen Anästhesisten. Auch von Michael Ulrich. Mit dem Unterschied, dass er nicht wie viele seiner Kollegen täglich in dasselbe Krankenhaus fährt, sondern meist nach einem Tag in die nächste Klinik wechselt. Der 42-Jährige ist einer von rund 4000 Honorarärzten in Deutschland. So viele befristet angestellte Mediziner soll es laut Schätzungen des Bundesverbands der Honorarärzte mittlerweile geben. Tendenz steigend.

Ohne Honorarärzte kommen die Krankenhäuser nicht mehr aus: Rund drei Viertel der deutschen Kliniken hatten im Jahr 2011 Probleme, offene Arztstellen dauerhaft zu besetzen. Das ist das Ergebnis des Krankenhaus-Barometers, einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, die derzeit eine Urabstimmung über einen Streik an kommunalen Kliniken organisiert, sieht die Entwicklung mit Sorge: Zwar sei es verständlich, wenn Krankenhäuser versuchten, kurzfristige Engpässe mit Honorarärzten zu überbrücken, sagt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund. Es müsse aber darum gehen, die Arbeit als festangestellter Mediziner in den Kliniken für junge Leute wieder attraktiver zu machen. "Honorarärzte sind häufig nicht in die kompletten Abläufe in einem Krankenhaus eingebunden. Da bleibt viel am Stammpersonal hängen. Das führt nicht gerade zu einer guten Zusammenarbeit."

Wie der Marburger Bund sieht auch die deutsche Krankenhausgesellschaft Schattenseiten des Zeitarbeiter-Phänomens. "Honorarärzte belasten die Krankenhausstrukturen", sagt Lothar Kratz von der Krankenhausgesellschaft NRW. Für Kliniken seien die auf Honorarbasis arbeitenden Mediziner teurer als Festangestellte. 88 Prozent aller Krankenhäuser hätten das im Krankenhaus-Barometer 2011 bestätigt. Zudem könne es zu Problemen mit Honorarärzten in einem eingespielten Team kommen, wenn jemand vorübergehend bleibt. "Für das soziale Klima in einer Klinik sind Honorarärzte manchmal nicht sehr zuträglich", sagt Kratz.

Auch die Art der Aufgaben, die "freie" Mediziner in Krankenhäusern übernehmen, sorge für Zwist im Kollegium: Sie behandelten zwar Patienten, müssten aber nicht die lästige Dokumentationsarbeit erledigen. Das werde von den festangestellten Kollegen besorgt.

Laut Marburger Bund sind 60 bis 80 Euro pro Stunde etwa für einen Anästhesisten durchaus üblich. "Wenn auf der anderen Seite die kommunalen Arbeitgeber gerade mal 1,48 Prozent Lohnerhöhung anbieten, sehe ich da schon einen Widerspruch", sagt Marburger-Bund-Sprecher Freese. Zudem fordert der Marburger Bund weniger Bereitschaftsdienst, der für Zeitarbeits-Mediziner kaum anfällt.

Mediziner selbst schätzen aber oft das Zeitarbeits-Modell. "Sie haben eine Marktlücke für sich erkannt", sagt Kratz . Die "freien" Ärzte könnten sich ihre Arbeitszeiten und Arbeitgeber selber aussuchen. Das biete einen großen Anreiz.

Für Ulrich waren das gute Gründe: 2009 entschied er sich bewusst, nach acht Jahren Festanstellung in Mönchengladbach zusätzlich auf honorarärztlicher Basis zu arbeiten. Seit Juli 2011 arbeitet er komplett freiberuflich. Der in Frechen lebende Arzt ist mehrmals pro Woche in verschiedenen Krankenhäusern tätig. Düsseldorf, Solingen, Wuppertal, Remscheid, und auch Viersen waren schon dabei. "Früher habe ich zwei bis drei Mal pro Monat am Wochenende gearbeitet. Jetzt habe ich dann keinen Dienst mehr und kann die Wochenenden wieder planen", sagt Ulrich. Außerdem werde sein Dienst wirklich so bezahlt, wie er arbeite. "Ich verdiene nicht unbedingt mehr, aber in Relation zu den sonst üblichen unbezahlten Überstunden einer Fest-anstellung eben schon", so Ulrich. Bereitschaftsdienst hat er nur noch selten.

Anästhesist Wolfgang Paul arbeitet ebenfalls als Honorararzt. Im Gegensatz zu Ulrich ist er aber zu 75 Prozent im Krankenhaus Geldern festangestellt. Etwa sechs Wochen im Jahr ist er zudem als freier Anästhesist in anderen Krankenhäusern der Region tätig. "Es ist eine motivierende und abwechslungsreiche Tätigkeit", sagt der 55-Jährige. "Seitdem bin ich viel zufriedener und kann es einfach etwas ruhiger angehen lassen."

Für den Patienten, so Ulrich, sei es nicht ersichtlich, wann ein Honorararzt ihn behandelt. "Wir arbeiten genauso wie alle anderen Fachärzte auch", sagt er. "Im Interesse der Patienten sollte die optimale medizinische Versorgung stehen. Durch Honorarärzte werden Engpässe gedeckt, das ist wichtig", sagt auch Erhard Hackler vom Bundesverband für Gesundheitsinformation und Verbraucherschutz.

Honorarärzte haben aber auch Probleme, die Festangestellte nicht kennen: Der Planungsaufwand steige, sagt Ulrich. "Man muss sich ständig um einen nächsten Auftrag kümmern – und darum, dass man sein Geld bekommt."

Quelle: RP/felt/das


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