Verbot von Leerverkäufen: Deutscher Alleingang irritiert Märkte und Partner
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 19.05.2010 - 14:01Düsseldorf (RPO). Deutschlands Verbot von Leerverkäufen löst weltweit Irritationen aus. Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde sieht sich durch den nicht abgesprochenen Vorstoß überrumpelt. Die Kurse an den Finanzmärkten fielen in die Tiefe. Der Dax stürzte zeitweise unter 6000 Punkte.
Selbst die Regierungserklärung von Angela Merkel trägt zur Nervosität auf dem Parkett bei. Die Kanzlerin hatte die Schuldenkrise als existenzielle Gefährdung beschrieben. Die Gründe für die Hektik an den Märkten sind vielfältig.
Seit Mitternacht gilt das Verbot von Leerverkäufen. Die Maßnahme der Bundesregierung hatte die Börsianer völlig überrascht. Jetzt reagieren die Händler nach ihren eigenen Gesetzen. "Schon vorher war die Nervosität extrem hoch", sagte LBBW-Aktienstratege Steffen Neumann. "Das Leerverkaufsverbot war jetzt wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat."
Warum preschte Berlin vor? Besondere Verwunderung lösten insbesondere Tempo und Stil des Berliner Vorstoßes aus. Das Verbot kam völlig überraschend und war nicht mit den EU-Partner abgesprochen. An den Börsen verfestigte sich am Mittwoch der Eindruck es handle sich um eine Verzweiflungstat. Warum sonst würden die Deutschen ohne sich mit den EU-Partner abzusprechen mit einem Verbot vorpreschen? Kann die Europäische Union etwa doch nicht - wie sie immer behauptet - gemeinsam handeln? Wieder wächst die Saat des Zweifels. Ebenso wie die Sorge, die maroden Haushalte der Europäer könnten das Wirtschaftswachstum kaputtmachen.
Partner sauer auf Deutschland Frankreich zeigt sich irritiert über den Alleingang Deutschlands. "Ich finde, dass jemand bei einer solchen Maßnahme zumindest den Rat der anderen Mitgliedstaaten einholen sollte", sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde am Mittwoch. "Folglich erwägen wir dies nicht ... Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen", sagte Lagarde.
Auch die EU-Kommission ist sauer wegen des deutschen Alleingangs. Er verstehe die Sorge über mögliche Auswirkungen der riskanten Transaktionen auf die unruhigen Märkte, sagte EU-Finanzregulierungskommissar Michel Barnier am Mittwoch. Aber es müsse "regulatorische Willkür und eine Aufsplitterung innerhalb der EU und global verhindert werden". Die Angelegenheit müsse deswegen auf dem Eurogruppen-Finanzministertreffen am Freitag in Brüssel besprochen werden.
Die Reaktionen der Märkte Der Euro rutschte zeitweise fast auf das in Fernost erreichte Vier-Jahres-Tief von 1,2146 Dollar, erholte sich dann aber leicht und pendelte um 1,22 Dollar. In Frankfurt am Main fiel der Deutsche Aktienindex (Dax) am Mittwochvormittag um 2,4 Prozent auf 6008 Punkte. Zeitweise stürzte er sogar unter die wichtige Marke von 6000 Punkten. Die Börsen in London und Paris verzeichneten zum Handelsauftakt ein Minus von 2,7 Prozent beziehungsweise 3,2 Prozent. Am Dienstag hatten die europäischen Aktienindizes hingegen wegen guter Wirtschaftsdaten aus den USA noch zugelegt.
Die Verbote Was ist das, was die Märkte nur wenige Stunden später so durcheinander wirbelt? Auslöser ist sicherlich das Verbot durch die Bankaufsichtsbehörde. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatte am Dienstagabend mehrere Typen besonders spekulativer Geschäfte untersagt: Das Verbot gilt für ungedeckte Leerverkäufe von Staatsanleihen aus der Euro-Zone und von Aktien mehrerer Finanzunternehmen, darunter der Allianz, der Commerzbank und der Deutschen Bank. Auch den Handel mit Kreditausfallversicherungen (CDS) schränkte die BaFin zunächst bis zum 31. März 2011 ein.
Was sind Leerverkäufe? Bei Leerverkäufen wetten Händler auf fallende Kurse. Sie leihen sich Staatsanleihen oder Unternehmenstitel gegen eine geringe Gebühr zum Beispiel von Banken und verkaufen sie weiter. Später kaufen sie die Papiere zurück. Ist die Wette aufgegangen, sind sie dann billiger - die Differenz im Preis kassiert der Händler.
In der Finanzkrise 2008 waren Leerverkäufe bereits schon einmal verboten. Sie gelten als Brandbeschleuniger. Sind bestimmte Titel erst einmal ins Visier der Spekulanten geraten, können sie durch Leerverkäufe weiter unter Druck geraten. Das gilt für normale Aktien genauso wie für Staatsanleihen. Da in der Schuldenkrise halb Europa gegen den Bankrott kämpft, soll das Verbot nun endlich die Märkte stabilisieren. Ein Mitglied der Unionsfraktion sagte, Hintergrund sei das Bemühen der Regierung, dem Primat der Politik in der Finanzkrise wieder Geltung zu verschaffen.
Was die Börsianer denken Unter Börsianern sorgte die Regelung für gemischte Gefühle. Einerseits begrüßten sie die Bemühungen, den Handel zu regulieren. Andererseits waren sie der Meinung, dass ein deutscher Alleingang nichts bringe. "Es herrscht Unsicherheit, was noch an Regulierung kommen kann, deshalb stellen sich die Investoren erst einmal an die Seitenlinie und machen Kasse", sagte Postbank-Aktienstratege Heinz-Gerd Sonnenschein.
Die Abwärtsspirale dreht sich weiter. Ein Bündel an Ursachen ist dafür verantwortlich. Eines aber aber verbindet alles: Verunsicherung. Einmal misstrauisch geworden, kann derzeit nichts die Märkte wirklich beruhigen. Weder ein 750-Milliarden-Rettungsschirm noch eine Regierungserklärung der deutschen Bundeskanzlerin. Das Beispiel Griechenland hat das eindrücklich gezeigt. Für die Finanz-Auguren sind Beteuerungen der Führer der Europäischen Union, man werde Athen nicht fallen lassen, nur ein Zeichen für erste Risse im Europäischen Haus.
Misstrauen gegenüber der Politik Ähnlich stellt sich die Lage nun nach den Leerverkäufen dar. Ökonomen der US-Großbank Goldman Sachs vermuteten, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe sich mit dem Verbot der Leerverkäufe die Zustimmung von Bundestag und Bundesrat zum Euro-Rettungsschirm sichern wollen. Populismus statt sachgerechten Handelns, lautet der Vorwurf.
Ein anderer Händler erläuterte, die Aussagen in Merkels Regierungserklärung zur Gefährdung des Euro ("Der Euro ist in Gefahr") hätten die Märkte als Verkaufssignal verstanden. "Die Politiker haben noch nicht verstanden, dass fahrlässige Aussagen auf Kosten der gemeinsamen Währung gehen", erklärte Jeremy Stretch, Währungsanalyst bei der Rabobank.
"Der Markt wundert sich, ob Deutschland etwas zu verbergen hat. Es sieht aber wie ein populistischer Schritt aus, der das Vertrauen in die europäische Politik unterminiert", zitiert die Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland einen Währungsstrategen der UBS. "Die Anleger dürften den Eindruck gewinnen, dass hier Symptome und nicht Ursachen kuriert werden", heißt es in dem Bericht von einem anderen Analysten. Ein Dritter sagt, es handele sich entweder um eine massive Überreaktion oder die Risiken eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone seien doch größer, als bislang bekannt.
Warum so plötzlich? Vor allem dass die BaFin das Verbot erst vier Stunden vor Inkrafttreten auf seiner Internetseite veröffentlicht habe, sei "der Hammer", sagte eine mit den Vorgängen vertraute Person. Betroffen seien praktisch sämtliche großen Banken. "Die machen das doch alle", hieß es.
Auch in den USA sorgte das deutsche Vorgehen für Kopfschütteln. Der Alleingang wirke wie ein hilfloses Umsichschlagen, meinte der Währungsexperte der New Yorker Investment-Firma Brown Brothers, Marc Chandler. "Es erscheint unausgegoren und nicht wirklich durchdacht und bestärkt Marktzweifel an der Glaubwürdigkeit der europäischen Politik."
Gewinnchancen schwinden Unabhängig von aller Skepsis beim Blick auf die Schuldenkrise sehen die Händler durch das Verbot auch mögliche Gewinne dahinschwinden. Je stärker der Markt beschnitten wird, desto weniger lässt sich dort verdienen. Das vorerst unbefristete Aus von Leerverboten sollte aus Sicht der Bundesregierung ja gerade die Spitzen der Kursausschläge im unruhigen Markt nehmen.
Daher finden sich neben den besonnen Stimmen auf der Börse noch weitere, die die Verbote der Bafin unterstützen. So begrüßten etwa Landes- und Förderbanken in Deutschland: "Oberste Priorität hat jetzt die Wiederherstellung der Finanzmarktstabilität", erklärte der Bundesverband Öffentlicher Banken am Mittwoch. Auch wenn nationale Maßnahmen dabei nur eine beschränkte Wirkung entfalteten, sei es wichtig, dass Deutschland hier eine Vorreiterrolle in Europa einnehme.
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