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Analyse
Warum die Rente besser ist als ihr Ruf

Berlin. Kritiker des deutschen Altersvorsorgesystems argumentieren gerne mit dem niedrigen Rentenniveau. Doch deutsche Rentner haben tatsächlich nicht weniger Geld in der Tasche als Ruheständler in anderen Industrienationen. Von Tim Harpers

Deutsche Rentner sind benachteiligt, vor allem aber sei es um das deutsche Rentensystem weit schlechter bestellt als um die Systeme unserer europäischen Nachbarn. So steht es jedenfalls in einer Renten-Studie, die die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung Anfang des Jahres herausgegeben hat.

Die Untersuchung stellt die Rentensysteme Österreichs und der Bundesrepublik gegenüber und zeichnet ein Bild, das die deutschen Reformmaßnahmen der vergangenen Jahre als wirkungslos erscheinen lässt.

So blieben deutschen Rentnern, die 35 Jahre lang gearbeitet haben und 2013 in den Ruhestand getreten sind, im Schnitt 1050 Euro gesetzlicher Rente. Österreicher mit derselben Lebensleistung kämen dagegen auf 1560 Euro. Doch ist es um das deutsche Rentensystem tatsächlich so schlecht bestellt, wie es uns diese Studie glauben machen will?

Nein. Denn wenn man sich die Daten der Industrieländer-Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Deutschen Rentenversicherung (DRV) anschaut, ergibt sich zumindest in Teilen ein anderes Bild.

Stärkerer Leistungsbezug

Zwar ist das Rentenniveau aus der gesetzlichen Rente vergleichsweise niedrig. Rechnet man aber die staatlich geförderte betriebliche und private Altersvorsorge hinzu, liegt das Alterseinkommen in Deutschland im OECD-Durchschnitt.

"Das deutsche Rentensystem zeichnet sich dadurch aus, dass es stärker als andere leistungsbezogen funktioniert", sagt der Rentenexperte Bernd Raffelhüschen. "Wer im Erwerbsleben mehr in die Rentenkasse einzahlt, bekommt später auch mehr Rente. Das deutsche System ist besser als sein Ruf, weil es einen stärkeren Anreiz als andere bietet, für die Rente zu arbeiten. Das macht es tragfähiger als andere." Österreich etwa habe schmerzhafte Reformen bei der Rente erst noch vor sich.

Während Durchschnittsverdiener in der Alpenrepublik laut der OECD rund 80 Prozent ihrer früheren Bezüge weiter erhalten, kommen Rentner hierzulande nur auf etwa 50 Prozent, unter Berücksichtigung der staatlich geförderten privaten und betrieblichen Vorsorge auf 63 Prozent. Dafür jedoch sind die Rentenbeiträge im Alpenstaat deutlich höher. Dort liegt der Beitragssatz seit 1998 unverändert bei 22,8 Prozent - gegenüber 18,7 Prozent in Deutschland.

Im internationalen Vergleich hat die Bundesrepublik mit der Einführung der Rente ab 67 Jahren eine Vorreiterrolle eingenommen. Im Schnitt scheiden die deutschen Männer laut DRV inzwischen mit 64 Jahren aus dem Arbeitsleben aus - sieben Monate später als noch vor zehn Jahren.

Auch im Hinblick auf die Altersarmut scheint das deutsche Alterssicherungssystem weitaus besser zu funktionieren als andere. In den OECD-Staaten haben durchschnittlich 12,6 Prozent der über 65-Jährigen ein Einkommen von unter 50 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens. Damit gelten sie als arm.

Vergleichsweise wenig Senioren von Altersarmut betroffen

In der Bundesrepublik sind aber nur knapp 9,4 Prozent der Senioren von dieser relativen Altersarmut betroffen. Europäischer Spitzenreiter in dieser unrühmlichen Kategorie ist die Schweiz. Dort müssen etwa 23 Prozent der Rentner mit einem niedrigen Einkommen haushalten.

Auch beim so genannten Netto-Rentenvermögen sieht das deutsche Rentensystem vergleichsweise gut aus. Das Netto-Rentenvermögen gibt Auskunft über den Gegenwartswert der über die Lebenszeit bezogenen Rentenzahlungen, berücksichtigt aber auch die auf das Renteneinkommen zu entrichtenden Steuern und Sozialabgaben.

Hier findet sich Deutschland im oberen Drittel der Industrienationen wieder. Dargestellt wird das Netto-Rentenvermögen als ein Vielfaches des individuellen Bruttoarbeitsentgelts, das der Ruheständler während seines Erwerbslebens erzielt hat. Ein deutscher Rentner verfügt im Durchschnitt über ein Netto-Rentenvermögen des Zwölffachen seines Brutto-Jahresgehalts. Im Mittel der OECD wird nur das Achtfache erreicht.

Wie verheerend es sein kann, wenn ein Rentensystem langfristig finanziell nicht tragfähig ist, zeigt das Beispiel Griechenlands. Ruheständler in Hellas bekommen trotz aller Kürzungen immer noch 76 Prozent ihres letzten Einkommens als gesetzliche Rente ausgezahlt. Schaut man sich den durchschnittlichen Brutto-Monatsverdienst in beiden Ländern an, wird deutlich, dass griechische Rentner dadurch nicht zwangsläufig mehr Geld in der Tasche haben als deutsche Ruheständler. Aber das zu teure griechische Rentensystem ist eine der Hauptursachen dafür, dass das Land seit Jahren am Tropf der übrigen EU-Länder hängen muss.

Fast 15 Jahre nach der letzten Rentenreform besteht aber auch in Deutschland wieder Veränderungsbedarf. So gibt es in der Bundesrepublik inzwischen über zwei Millionen sogenannte Klein-Selbstständige, die beispielsweise als unabhängige Grafiker oder Programmierer ihr Geld verdienen und keine ausreichende Vorsorge für ihr Alter treffen. Sie werden von der gesetzlichen Rente nicht erfasst. Und da es bisher noch keine Pflicht zur privaten Altersvorsorge für Selbstständige gibt, droht diesem Personenkreis im Rentenalter der Absturz in die Altersarmut.

Auch den zunehmend von Unterbrechungen geprägten Erwerbsbiografien wird das Rentensystem bisher nicht gerecht. Da die vergangenen 25 Jahre in Deutschland durch eine hohe Arbeitslosigkeit geprägt waren, werden in den Biografien vieler Neurentner künftig längere Phasen der Arbeitslosigkeit enthalten sein. Verschärft wird dieses Problem durch die Einführung von Hartz IV, da die Rentenbeiträge für die Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II) nach Maßgabe eines sehr geringen Einkommens entrichtet wurden und seit 2011 gar keine Beiträge mehr für ALG-II-Bezieher gezahlt werden.

Das deutsche Rentensystem steht stabil auf seinen drei Säulen, allerdings sind jetzt Reparaturen angebracht.

Quelle: RP
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