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Finanzkrise: Erste Autohändler machen dicht

zuletzt aktualisiert: 23.10.2008 - 17:13

Hamburg (RPO). Produktionsstopps bei Opel, Gewinnwarnung bei Daimler, dunkle Vorahnungen bei VW: Die Finanzkrise trifft die Autobranche, die schon seit langem schwächelt, mit voller Wucht. Unter dem Absatzeinbruch leiden auch Händler. Renommierte Autohäuser machen dicht.

Beispiel Opel Kiffe in Münster: Anfang Oktober kam beim traditionsreichen Autohaus vom Oldtimer bis zum Winterreifen alles unter den Hammer. Ausverkauf, Insolvenz, die Angestellten stehen auf der Straße. So düster sieht es bei vielen Händlern aus, die das letzte und damit schwächste Glied in der Kette sind.  

In Deutschland gibt es zu viele Händlerbetriebe, mit schwachen Gewinnmargen. Vor allem kleineren Betrieben mit deutlich unter 1000 verkauften Wagen pro Jahr droht Gefahr, falls die Banken jetzt ihre Kreditvergabe verschärfen. Die Hersteller berichten fast täglich von Absatzeinbrüchen, Gewinnwarnungen und Produktionsstopps.

Ursachen liegen tiefer

Allerdings liegen die wahren Branchenprobleme tiefer. Immer mehr Kunden wählen kleinere Modelle, die Bürger fahren insgesamt weniger Auto und noch hat kein deutscher Hersteller ein zukunftsweisendes Auto für die Zeit nach Benzin und Diesel im Programm, die Entwicklung verschlingt Milliarden.

Schon die jüngsten Absatzahlen jagen den Automanagern einen Schreck ein: In Europa wurden im September mit 1,3 Millionen Fahrzeugen 8 Prozent weniger neue Pkw zugelassen. In Deutschland allein ist die Lage noch düsterer. Der Absatzeinbruch im September lag bereinigt um die Zahl der Arbeitstage sogar bei minus 10,5 Prozent. "In Deutschland stagniert der Markt nun schon seit drei Jahren. Und das wird auch mittelfristig so bleiben", sagte VW-Vertriebschef Detlef Wittig der "Auto,Motor,Sport". Der altgediente Automanager Wittig gilt in der Branche als einer der besten Kenner des Marktes.

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch glaubt nicht, dass die aktuelle Absatzschwäche in der Autoindustrie nur eine Momentaufnahme ist. Die Branche solle sich "auf eine Durststrecke einstellen", sagte er der Bild-Zeitung am Donnerstag. Daimler hat nach einem Gewinnrückgang im dritten Quartal seine Erwartungen für den Rest des Jahres erneut nach unten korrigiert. Gewinnwarnung nennt man das. 

Segmentverschiebung

Der für die Hersteller enorm wichtige deutsche Markt steuert wohl längere Zeit auf ein Volumen von 3 bis 3,2 Millionen Stück zu. Schon erwägt der Auto-Branchenverband VDA eine Kürzung der Absatzprognose von 3,2 Millionen Neuzulassungen in diesem Jahr. 2007 war der deutsche Automarkt bereits um 9,2 Prozent auf 3,15 Millionen Neuzulassungen eingebrochen.

Schlimmer für Autobauer ist aber eine bisher noch nicht erlebte Entwicklung: die sogenannte Segmentverschiebung. Offenbar setzten immer mehr Autokunden auf kleinere, billigere und sparsamere Wagen. "Innerhalb des geschrumpften Gesamtmarkts vollziehen sich nachhaltige Segmentverschiebungen von höheren hin zu niedrigeren Segmenten. Das bedeutet eine Verlagerung auf tendenziell ertragsschwächere Modelle", sagt VW-Manager Wittig.

Die Statistik stützt diese Einschätzung: Von Januar bis September ging der Absatz der oberen Mittelklasse (5er BMW, Mercedes E-Klasse) um 16 Prozent zurück. Der Absatz im Minisegment (Fiat 500, Smart) legte um 21 Prozent zu, auch die Kompaktklasse (VW Golf, Ford Focus) gewann mehr als 5 Prozent hinzu. Das Problem dabei: An den Dickschiffen verdienen die Hersteller einige tausend Euro pro Auto. Bei den kleineren Modellen müssen sie sich dagegen dem scharfen Preiswettbewerb mit französischen oder asiatischen Anbietern stellen.

Export kein Ausweg mehr

Vor allem Daimler und BMW sitzen in dieser Klemme. Sie erreichen bei der Produktion kleinerer Modelle nach Einschätzung von Experten noch nicht die nötigen Stückzahlen, um damit wirklich große Gewinne einzufahren.

Bisher haben die Konzerne schwache Phasen im deutschen Automarkt oft mit gutem Export gutgemacht. Aber auch dieser Ausweg schließt sich: In Westeuropa ist die Lage zum Teil noch schlimmer, Spanien und Großbritannien melden zweistellige Rückgänge bei den Neuzulassungen. Die USA erleben die schlimmste Autokrise seit Jahrzehnten. Dort verbrennen die großen drei General Motors, Chrysler und Ford Monat für Monat Milliarden. Die bevorstehende Fusion von GM und Chrysler wird von Experten als schierer Akt der Verzweiflung angesehen.

Angesichts der düsteren Aussichten wollen es die Autobauer hierzulande jetzt den Banken nachmachen und fordern Geld vom Staat. VDA-Präsident Matthias Wissmann ruft nach "intelligent ausgestalteten Kreditprogrammen" zum Autokauf oder einer Verschrottungsprämie.

In Frankreich wurden im September 8 Prozent mehr Fahrzeuge verkauft als im Vorjahresmonat, nachdem die Regierung ein Bonus-Malus-System eingeführt hat. Dabei werden sparsame Neuwagen mit Rabatten von bis zu 5000 Euro subventioniert. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte bereits, sie könne sich ein Anreizsystem für den Autokauf vorstellen.

Produktions-Überkapazitäten

Kurzfristig aber müssen die Autobauer aus eigener Kraft mit der Mehrfach-Misere zurechtkommen. Daimler, Opel, BMW und Ford fahren ihre Produktionskapazitäten herunter. Leiharbeiter werden entlassen, Zeitverträge nicht verlängert, Überstundenkonten abgebaut.

Und das Schlimmste könnte noch kommen: "Keiner weiß, wie die Verbraucher jetzt reagieren", sagte Ulrich Winzen, Branchenanalyst von Polk Marketing Systems. "Brechen jetzt Panik und Angstsparen aus, oder normalisiert sich das Verhalten bald wieder", fragt er.

Quelle: ap

 
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