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53.000 Verdachtsfälle auf Betrug
Fast jede zweite Klinik rechnet falsch ab

IGel-Hilfe: Selbst zahlen, oder nicht?
IGel-Hilfe: Selbst zahlen, oder nicht? FOTO: dpa, Patrick Pleul
Berlin. Die Krankenkassen gingen in den Jahren 2010 und 2011 insgesamt 53.000 Verdachtsfällen auf Betrug nach. Als Täter wurden Ärzte, Klinikmanager, Therapeuten aller Art sowie Apotheker und Arzneimittelhändler ermittelt. Von Eva Quadbeck

Korruption und Betrug im Gesundheitswesen beschränken sich keineswegs nur auf Ärzte. Im Gegenteil: Auch Physiotherapeuten, Apotheker und Krankenhausmanager versuchen mitunter auf illegalem Weg ihre Einnahmen zu verbessern.

Allein in den Jahren 2010 und 2011 verfolgten die Kassen knapp 53.000 Fälle von Verdacht auf Fehlverhalten. Mehrfachzählungen sind möglich, da auch zwei oder mehrere Kassen einen Betrüger entdecken können. In rund 2600 Fällen wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Insgesamt konnten die Krankenkassen einen Schadensersatz von mehr als 41 Millionen Euro geltend machen. Diese Zahlen gehen aus einem noch unveröffentlichten Bericht des Spitzenverbands der Krankenkassen hervor, über den die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete und der auch unserer Redaktion vorliegt.

Die knapp 60 Seiten starke Dokumentation schildert auch eine Reihe von Beispielfällen, wie mit Krankheit und Gebrechen von Patienten zum Schaden aller Beitragszahler betrogen wird.

Täter Sanitätshaus Die Krankenkassen listen eine Reihe von Fällen auf, in denen Sanitätshäuser spezielle Duschhocker und Duschstühle für Gehbehinderte nicht mit der vorgeschriebenen Ausstattung lieferten, aber dennoch die teuersten Modelle abrechneten und damit rund 20 bis 30 Prozent pro Hocker zu viel erhielten.

Täter Arzneimittel-Händler Ein Großhändler belieferte über Zwischenfirmen Apotheken mit teuren HIV-Medikamenten. Dabei handelte es sich aber nicht um Originalpräparate, sondern um in Südafrika beschaffte Tabletten, die als Originalware neu verpackt wurden. Ein Apotheker aus Delmenhorst schöpfte Verdacht, als er einen leeren Blister in einer der Packungen entdeckte. Abgerechnet wurden die Fälschungen zum Originalpreis. In einem anderen Fall wurden sogar völlig wirkungslose Medikamente als lebenserhaltende Arzneien für HIV-Patienten in Umlauf gebracht.

Täter Apotheker Für ihre Sprechstunden können Ärzte eine bestimmte Menge an Arzneien, Verbandsmitteln und anderen Materialien bei den Kassen geltend machen. Ein Apotheker manipulierte die Mengenangaben auf den Rezepten, die er für den Sprechstundenbedarf erhielt. Flugs wurde aus einer "5" auf dem Rezept eine 15. Den Krankenkassen entstand ein Schaden in sechsstelliger Höhe.

Täter Physiotherapeutin Die Unterschriftenfälschungen einer Physiotherapeutin flogen auf, weil sie sich selbst unter anderem bescheinigte, eine bereits verstorbene Klientin behandelt zu haben.

Täter Ergotherapeut Ein Beschäftigungs- und Arbeitstherapeut rechnete mit den Krankenkassen Leistungen ab, für deren Erbringung er keine Qualifikation hatte. Teilweise hielt er seine Therapiestunden auch in der Gruppe ab, berechnete aber Einzelbehandlungen.

Täter Arzt Ein Nierenfacharzt flog nach Anzeige eines Kollegen auf. Er schloss ohne medizinische Indikation Patienten an die Dialyse an. Dieses Vorgehen schadete nicht nur den Finanzen der Krankenkassen, sondern war auch für die Gesundheit der Patienten bedrohlich: Dialyse ohne medizinische Indikation kann dazu führen, dass die Patienten auf Dauer dann tatsächlich eine Dialyse benötigen.

Täter Krankenhäuser und Ärzte Im Rahmen von Brustoperationen bei Krebs rechnete ein Krankenhaus grundsätzlich die teuerste Methode von 17 000 Euro pro Fall ab, obwohl nur rund 7000 Euro teure Eingriffe vorgenommen wurden. In einer anderen Klinik schickten die Ärzte die Patienten, die teilstationär behandelt wurden, mit Rezepten in die Apotheke. Zugleich machten sie den Arzneimittelbedarf auch noch für ihr Krankenhaus geltend. Abrechnungsbetrug ist in vielen Kliniken an der Tagesordnung. Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ergaben, dass knapp jede zweite Abrechnung (45,6 Prozent) im Jahr 2010 der Krankenhäuser fehlerhaft war. Die Quote ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2006 lag die Rate der fehlerhaften Abrechnungen noch bei unter 35 Prozent. Nach Schätzungen des Spitzenverbandes entsteht den Kassen ein jährlicher Schaden von 1,5 Milliarden Euro durch unkorrekte Abrechnungen der Kliniken. Der Spitzenverband fordert Sanktionen, die absichtlich überhöhte Rechnungen bestrafen, aber Fehler durch Nachlässigkeit oder Unkenntnis nicht bestrafen.

Täter Versicherter Es sind nicht nur die Leistungserbringer, die sich zum Schaden aller Ehrlichen im System die Taschen füllen. Vielmehr erwischten die Kassen auch Versicherte beim Betrug. Ein Mann kassierte seit Jahren Pflegegeld in Stufe 3, obwohl er in der Lage war, weite Strecken bei Spaziergängen zurückzulegen.

Täter Hebamme Eine Hebamme verlor ihre Berufszulassung, weil sie mehrfach Leistungen mit den Krankenkassen abrechnete, die sie aber nicht für Mutter und Kind erbracht hatte. Zusätzlich wurde sie zu einer Geldstrafe verurteilt.

(RP/felt/das)
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