Börsen setzen Talfahrt fort: Hundt: "Die Krise nicht herbeireden"
zuletzt aktualisiert: 06.09.2011 - 19:58Frankfurt/Main (RPO). Den europäischen Aktienmärkten ist derzeit nicht zu helfen: Die Anbindung des Schweizer Franken an den Euro wurde in Zürich zwar mit einem Kursfeuerwerk gefeiert, konnte die Anleger jedoch nicht an die Börsen in Frankfurt, Paris, Madrid oder Mailand locken. Der Dax fiel auf 5193 Punkte. Arbeitgeberpräsident Hundt warnte davor, die "Krise nicht herbeizureden".
Der deutsche Aktienmarkt hat am Dienstag erneut schwach geschlossen. Zwar hatte es noch bis zum frühen Nachmittag nach einer zaghaften Erholung ausgesehen. Doch dann wendete sich das Blatt: Der Dax fiel deutlich ins Minus und unterbot mit 5150 Punkten sogar das erst am Vortag erreichte Zwei-Jahres-Tief. Aus dem Handel ging der Index mit einem Minus von 1,0 Prozent bei 5193 Zählern. Das ist der niedrigste Stand seit dem 28. Juli 2009. Der MDax gab 0,8 Prozent auf 8335 Punkte nach, der TecDax verlor 0,7 Prozent auf 692 Zähler.
Am Abend kostete der Euro nur noch 1,3996 Dollar. Die Europäische Zentralbank hatte am Nachmittag einen Referenzkurs von 1,4099 Dollar festgestellt.
Hundt: Deutsche Unternehmen unterbewertet
Die heftigen Kurseinbrüche am deutschen Aktienmarkt passen nach den Worten von Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt nicht zur guten Konjunkturlage. "Die deutschen Unternehmen sind im Durchschnitt erheblich unterbewertet, und die Börseneinbrüche spiegeln nicht die reale Lage in den Unternehmen wider", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) am Dienstagabend laut Redetext in Berlin.
Die Konjunktur laufe nach wie vor gut. "Die Auftragsbücher sind in vielen Branchen noch voll, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nimmt zu, und die Steuereinnahmen sind rasant gestiegen", sagte Hundt.
Zwar gebe es auch erhebliche Konjunkturrisiken. "Aber wir sollten die nächste Krise nicht herbeireden", sagte der BDA-Chef. "Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass wir die Chance haben, einen nachhaltigen Wachstumskurs zu erreichen." Allerdings gebe es erhebliche Konjunkturrisiken. "Die Schuldenkrise in der Eurozone und die Turbulenzen an den Finanzmärkten rund um den Globus sehen wir mit großer Sorge", sagte Hundt.
Auch an den weiteren großen europäischen Börsen ging der Trend ins Minus. Der französische CAC40 und der EuroStoxx verloren am Dienstag jeweils mehr als ein Prozent. Vor allem Finanztitel mussten erneut herbe Kursverluste einstecken. Commerzbank-Chef Martin Blessing beschrieb das Umfeld für Banken als nicht berauschend - die Aktien seines Hauses fielen zeitweise auf ein Rekordtief von nur noch 1,73 Euro.
Auch in Amerika sanken die großen Indizes um rund zwei Prozent, obwohl der Einkaufsmanagerindex der US-Dienstleister unerwartet anstieg. Ein großer Kurssturz wie am Montag in Europa blieb der Wall Street, die zum Wochenstart wegen des Labor-Day-Feiertages geschlossen hatte, jedoch erspart. Noch besser war die Stimmung jedoch in Zürich. Hier trauten sich die Anleger wieder verstärkt an den Aktienmarkt, da die durch den hohen Franken gebeutelte Exportindustrie des Landes nach der Entscheidung der Schweizer Nationalbank (SNB) wieder neue Hoffnung schöpft. Der Schweizer Leitindex SMI schloss gegen den Trend mit einem Plus von 4,4 Prozent.
Den Aktien in Europa gab die Entscheidung der Schweizer Notenbank, den Franken an den Euro zukoppeln, jedoch nur kurze Zeit Rückenwind. Mit unbeschränkten Euro-Käufen wollen die Notenbanker verhindern, dass der Euro unter 1,20 Franken fällt. Allein die Ankündigung katapultierte den Euro über diese Marke. Zum Dollar gab die Gemeinschaftswährung aber Boden preis und fiel erstmals seit Mitte Juli am späten Nachmittag zeitweise wieder unter die Marke von 1,40 Dollar.
Anleger misstrauen Finanzwerten
Viele Anleger fürchten, dass die Wirtschaft in der Euro-Zone durch die schwelende Schuldenkrise in Mitleidenschaft gezogen wird. Der überraschend deutliche Rückgang der Auftragseingänge der deutschen Industrie im Juli um 2,8 Prozent zum Vormonat drückte zusätzlich auf der Stimmung.
Vor allem der Zustand der Finanzindustrie bereitet den Anlegern Sorgen, besonders in Europa. "Der Markt nimmt hohe Abschreibungen von Staatsanleihen vorweg", begründete ein Händler die Flucht der Anleger aus den Finanzwerten. Frederic Oudea, Chef der französischen Großbank Societe Generale , warnte auf einer Konferenz in Frankfurt vor schmelzenden Gewinnen der Branche in den nächsten Jahren. Die Ratingagentur Standard & Poor's goss mit der Aussage Öl ins Feuer, die Aussichten für die Banken hätten sich eingetrübt. Herabstufungen von Großbanken seien auf mittlere Sicht denkbar.
Im EuroStoxx50 zählten die Aktien der französischen Banken BNP Paribars , Credit Agricole und Societe Generale sowie der italienischen Intesa Sanpaolo , Unicredit mit Kursverlusten von drei bis 6,5 Prozent zu den größten Verlierern. Die Titel des deutschen Branchenprimus - Deutsche Bank - rutschten um 0,9 Prozent ab, nachdem sie schon am Montag neun Prozent verloren hatten. Der Stoxx-Banken-Index verlor gut zwei Prozent und fiel damit auf ein Zweieinhalb-Jahres-Tief.
Bayer-Aktien stürzen ab
Für zusätzlichen Druck auf den Dax sorgte der Einbruch der Bayer-Aktien , die um 7,5 Prozent auf 37,75 Euro fielen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat einem Beratergremium empfohlen, von Deutschlands größtem Pharmakonzern zusätzliche Informationen über das neue Schlaganfall-Medikament Xarelto zu verlangen. Damit könnte sich die Markteinführung des Bayer-Hoffnungsträgers verzögern. Händler beschrieben den Kurssturz jedoch als völlig übertrieben. Die Aktien des US-Partners Johnson & Johnson verloren lediglich rund ein Prozent.
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